Verfasst am: 17.09.07 15:23
Von: Peter Unmuth (Text und Bilder)
Gipsbomber
Gipsbomber ...
... die dritte Disziplin des holländischen Triathlons. Die anderen beiden sind die Anreise nach Tirol sowie der Transfer mit dem Hubschrauber in die Uni Klinik Innsbruck. In der Wintersaison 2005/2006 nahmen etwa 1.700 Patienten den - meist über eine Reiseversicherung finanzierten - Rückflug in die Heimat mit Tyrol Air Ambulance in Anspruch. In der Saison 2006/2007, die etwa zu Weihnachten begann, während der holländischen Krokusferien Ihren Höhepunkt findet und gegen Ostern endet, rechnet die Gesellschaft mit etwa 1.800 Passagieren alleine auf den "Gipsbomberrotationen". In Summe werden pro Jahr etwa 3.000 Patienten in die Heimat geflogen. Während der Wintersaison liegt der Hauptfokus auf den Strecken von Innsbruck bzw. Chambéry nach Rotterdam. Im Sommer werden die Patienten von Malaga, Alicante, Palma, Antalya sowie Dalaman nach Birmingham, Rotterdam und Antwerpen geflogen. Dieses umfangreiche, linienmässig beflogene Streckennetz von Ambulanzflügen findet seine Basis in einer mehr als 30-jährigen Erfahrung des Unternehmens mit Ambulanz und Rettungsflügen.
Rückblick und Geschichte
Am frühen Morgen des 5. Juli 1976 startete eine mit Pilot, Co-Pilot, Arzt und Sanitäter besetzte Citation 500 vom Flughafen Innsbruck, um den ersten Rettungsflug in der Geschichte des Unternehmens durchzuführen. Bei diesem wurde ein beim Badeurlaub in Griechenland verunfallter Patient aus Athen nach Salzburg geflogen.
Das Team mit dem Ziel, weltweite Ambulanzflüge mit technisch auf dem letzten medizinischen Stand befindlichen Jets aufzubauen, bestand aus Univ.-Prof. Dr. Gerhard Flora, Dr. Max Schuh, Jakob Ringler sowie den beiden Cousins Gernot Langes-Swarovski und Christian Schwemmberger-Swarovski als Financiers. Diese personelle Basis formte aus einem Jet und zwei Hubschraubern der „Aircraft Innsbruck„ die damalige „Tyrolean Air Ambulance„. Bereits 1978 wurde die Flotte um einen zusätzlichen Ambulanzjet - natürlich ebenfalls mit Geräten auf dem aktuellsten Stand der Medizintechnik ausgestattet - erweitert.
Parallel dazu wurde unter Führung von Prof. Flora ein Gemeinschaftsunternehmen von „Tyrolean Air Ambulance„ und dem „ÖAMTC„ nämlich die „Christophorus Flugrettung„ gegründet. Die Rettung von Verunglückten mittels Helikopter aus Ihrer misslichen Lage entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem eigenständigen Tätigkeitsbereich und wurde 1995 nach etwa 53.000 Rettungsflügen vom Unternehmen „Tyrol Air Ambulance„ getrennt. Heutzutage wird die „Christophorus Flugrettung„ hauptverantwortlich vom ÖAMTC betrieben.
Das Haupteinsatzgebiet der Ambulanzjets befand sich im ersten Jahrzehnt des Bestehens des Unternehmens vor allem in Afrika und im Nahen Osten. 1981 wurde auf Initiative von Mag. Jakob Ringler gemeinsam mit der damaligen Colonia Versicherung das sogenannte „Notfallticket„ ins Leben gerufen. Der weiteste Flug im Rahmen dieser Rückholversicherung brachte zwei bei einem Autounfall auf Hawaii verletze Grazer zurück in Ihre Heimat. Auf Basis der mittlerweile erworbenen Reputation des Unternehmens wurde dieses auch von einer Chicagoer Klinik mit der Heimholung eines in Bangkok erkrankten Amerikaners nach Chicago beauftragt. Dieser Auftrag wurde damals mit einem Scheck über 150.000 US-Dollar honoriert.
Schon im Dezember 1980 wurde der erste Gipsbomber, damals noch eine Dash 7 der Tyrolean Airways, aus Innsbruck in Richtung Niederlande auf den Weg geschickt. 1983 wird Tyrolean Air Ambulance als eigenständige Firma eingetragen bis schließlich im Jahr 1999 Mag. Jakob Ringler im Rahmen eines Management Buy Outs die Mehrheitsanteile der Firma übernimmt, den Namen auf „Tyrol Air Ambulance„ ändert und in den Firmenverband der „Welcome Air„ eingliedert. Heute besteht die Flotte auf die zur Durchführung von Ambulanz- bzw. Gipsbomberflügen zurückgegriffen werden kann, aus zwei Dornier 328 Turboprop, einem Do-328 Jet sowie einer Citation Bravo und einer Citation V.
Cessna 560 Citation V im Hangar der Welcome Air<
Innsbruck – Rotterdam – Chambéry – Rotterdam – Innsbruck
Am 1. März 2007 wurde die Do-328 Turboprop OE-GBB für einen der Gipsbomberflüge genutzt. Die Flightcrew bestand aus drei Personen: Captain Edgar Thurnwalder, First Offiver Daniel Hickl und Michaela Berti als Flugbegleiterin. Aus ebenso vielen Personen bestehend die Medical Crew: Dr. Signe Kastner, Dipl. Krankenschwester Sabine Steinberger und Thomas Haueis. Die Kabine der mit der Konstruktionsnummer 3078 ausgelieferten Maschine war folgendermaßen konfiguriert. Sieben Sitze hatten ein Legrest, wobei statt einer Sitzreihe eine Art „Stockerl„ eingebaut wird sodass die Passagiere der Reihe dahinter Ihre Beine ausgestreckt lagern können. Weiters waren noch drei Stretcher eingebaut, auf denen Passagiere liegend befördert werden. Im Rest der Kabine fanden noch 10 normale Sitze Platz. Für eventuell kurzfristig notwendige Konfigurationsänderungen auf der genannten Rotation wurde noch ein normaler Passagiersitz im Frachtraum mitgeführt.
Der als Ersatz mitgeführte Sitz.
Der den Versicherungen in Rechnung gestellte Preis für einen Passagier im Stretcher (STR) beträgt: € 1.600, für einen Passagier mit Legrest (LR) beläuft sich dieser Betrag auf € 660. Eine zusätzliche Variante der Patientenbeförderung ist die so genannte ICU (Intensive Care Unit, Intensivstation). Diese wird allerdings äußerst selten gemeinsam mit LR oder STR Patienten verwendet - einerseits um dem Patienten in der ICU eine ungestörte Umgebung bieten zu können, andererseits um LR oder STR Patienten nicht der mentalen Belastung eines Fluges mit einem ICU Patienten auszusetzen.
Der Stretcher im vorderen Teil der Kabine
Sitze in Legrest Konfiguration
Geplanter Abflug aus Innsbruck an diesem Tag war um 11:00 Uhr. Bereits eine Stunde früher wurde mit dem Boarding der Patienten begonnen. Bei diesem werden die Patienten mit der Ambulanz bzw. dem Taxi (nach Passieren der heutzutage üblichen Sicherheitsprüfungen) über das Vorfeld bis direkt an die vor dem Hangar der Welcome Air geparkte Maschine gefahren.
Boarding am Vorfeld direkt von der Ambulanz in den Flieger
Je nach Grad der Verletzung wird der Patient dann auf den Stretcher umgebettet und von 2 Personen in die Kabine getragen, oder auf einen Rollsessel der am Flieger mitgeführt wird in die Kabine gerollt. Diejenigen mit leichteren Verletzungen stützen sich aud den Schultern des Pflegepersonals ab und bewegen sich mit eigener Kraft zu Ihrem Sitzplatz in der Kabine. Zur Vereinfachung der Boardingprozedur steht an jedem linienmäßig beflogenen Platz die im Bild unten gezeigte Stiegenkonstruktion zur Verfügung.
Boardinghilfe. Links die Stretcherauflagen, rechts der im Text erwähnte Rollsessel.
Nach einem reibungslosen Boarding war Block Off Time 10:42 und um 10:46 ging es mit einem Start von der Piste 26 los. Der Steigflug parallel zur Martinswand und weiter Richtung Kempten ist aus dem Flieger ebenso eindrucksvoll wie aus der den meisten Spottern bekannten Bodenperspektive vom Inndamm.
Abflug aus INN Richtung Westen
Auf Grund einer Front die an diesem Tag Europa überquerte, blieben die Seat Belt Signs während des gesamten Fluges eingeschaltet. Das Flugvorbereitungsprogramm der Welcome Air hatte für nahezu die gesamte Route CAT (Clear Air Turbulenz) der Kategorie 6 (auf einer Skala von 1 – 14) vorhergesagt. Nach etwas mehr als 1,5 Stunden befanden wir uns bereits im Anflug auf Rotterdam welches uns leicht bewölkt und sehr windig begrüßte.
Sinkflug Richtung RTM mit Airbase Breda/Gilze-Rijen im linken Fenster
Nach einer reinen Flugzeit von 1 Stunde 40 Minuten setzte Captain Thurnwalder die „Rotterdam„ auf die Piste 24 des gleichnamigen Flughafens. Gemeinsam mit uns am Vorfeld parkte eine 737 der Transavia, zwei Fokker 50 der VLM Airlines und eine Do-228 der Arcus Air. In einer Bodenzeit von nur 32 Minuten wurden alle Passagiere (3 liegende, 7 Legrest, 1 sitzender Patient sowie eine Begleitperson) und deren Gepäck an die bereits wartenden Abholer übergeben und wir waren bereit für den Weiterflug nach Chambéry.
Abholung der Passagiere am Vorfeld in Rotterdam
Dieser Leg sowie der Retourflug nach Rotterdam wurde von F/O Daniel Hickl als Pilot Flying durchgeführt. Der 1 Stunde und 29 Minuten dauernde Überstellflug wurde von der Crew zum Reinigen der Kabine, für die Vorbereitung der Legrests und Stretcher für die nächsten Passagiere, die Sicherung der Kabine für den erwarteten ruppigen Approach auf Chambéry und zur Erholung genutzt. Der Anflug auf Chambéry erfolgte über den direkt an die Piste 18 grenzenden See bei eher durchwachsenen Wetterbedingungen. Der rechter Hand (westlich) vom Flugweg liegende Bergkamm sorgte in Kombination mit der starken westlichen Luftströmung für zwei kleinere Luftlöcher die dem Mercedes der Lüfte aber nichts anhaben konnten.
Anflug über den See auf die Piste 18.
In einer Stunde und einer Minute nasskalter Bodenzeit wurden die Passagiere für den nächsten Flug nach dem bereits oben beschriebenen Prozedere geboardet. Für diesen Flug bestand folgende Belegung der Maschine. 1 Stretcher, 6 Legrests, 3 Passagiere ohne Verletzungen sowie 4 Begleitpersonen. Während unserer Bodenzeit konnten wir die Gulfstream der Regierung von Bahrain am Funk hören welche dann einige Minuten später - trotz Regen sehr fotogen - an uns vorbei auf die zugewiesene Parkposition rollte.
Visitor aus Bahrain in Chambéry
Um 15:51 startete unser Flug „Tyrol Air Ambulance 242„ von der Piste 18 in Richtung Rotterdam. Die Flugroute führte uns etwas westlich der deutsch–französischen Grenze in Richtung Luxemburg und dann über Brüssel nach Rotterdam. Da die am Vormittag noch auf unserem Weg liegende Front inzwischen in Richtung Osten abgezogen war, konnte auch das Fasten Seat Belt Sign ausgeschaltet werden und die Passagiere kamen in den Genuss eines ruhigen Fluges. Nach einer Flugzeit von 95 Minuten setzten wir zum zweiten Mal an diesem Tag in Rotterdam auf.
Short Final auf die 24 in Rotterdam mit VLM Fokker 50 am Holding Point.
Nach 34 Minuten waren alle Passagiere an Ihre jeweiligen Abholer übergeben sowie 1 Passagier für den Flug nach Innsbruck an Bord. Dieser eine Passagier hatte den Auftrag von einer holländischen Versicherung das KFZ eines im Allgäu verunfallten Urlaubers nach Holland heimzuholen. Um 18:12 starteten wir als „Tyrol Air Ambulance 244„ mit Cpt. Thurnwalder als Pilot Flying zum letzten Flug des Tages zurück zur Homebase in Innsbruck. Dank einer sehr steifen Brise die exakt in Pistenrichtung blies erreichten wir eine anfängliche Steigleistung von 5000 ft / Minute. In der Abenddämmerung ließen wir den niederländischen Luftraum hinter uns.
Abendstimmung über den Wolken
Der dank Rückenwind in 1 Stunde und 18 Minuten zurückgelegte Flug wurde auf Grund der von Fr. Michaela Berti und Ihren aus dem Bestand der Bordküche gezauberten Toasts noch kürzer empfunden als er tatsächlich war. Aus Richtung Westen kommend flogen wir durch das Inntal parallel zum Flughafen an. Ein letzter left Turn im Visual Approach über der Stadt Innsbruck...
Nächtlicher Visual Approach über der Stadt Innsbruck.
...und um 19:30 (20 Minuten vor der geplanten Zeit) setzte der Captain die Do-328 auf die Piste 26 in Innsbruck. Unsere Parkposition vor dem Welcome Air Hangar erreichten wir 9 Stunden und 54 Minuten nach dem Block off am Vormittag.
Dr. Signe Kastner, Dipl. Krankenschwester Sabine Steinberger, Thomas Haueis, Cpt. Edi Thurnwalder, F/O Daniel Hickl, FA Michaela Berti
Am Ende dieses Tages hatte die Do-328 15.135 Stunden und 16 Minuten sowie 11088 Landungen in Ihrem Logbuch stehen, davon 6 Stunden und 2 Minuten mit 4 Landungen alleine an diesem Tag.
Als abschließende Anekdote sei noch vermerkt, dass es einige wenige Passagiere gibt, die sich von der Crew mit den Worten „Bis zum nächsten Jahr„ verabschieden. Der Rekordhalter soll bereits 4-mal mit dem Gipsbomber heimgeflogen sein, sodass scherzhalber bereits über die Auflage eines Vielfliegerprogrammes nachgedacht wird.
Herzlich bedanken möchten wir uns an dieser Stelle beim Geschäftsführer der Welcome Air Mag. Jakob Ringler für das äußerst freundliche Entgegenkommen bei der Organisation dieses Trips sowie natürlich bei der gesamten Crew der OE-GBB für das herzliche „Welcome„.
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