Verfasst am: 12.01.08 18:17
Von: Martin Dichler
Destination Kiev
Boomender Airport mit Kapazitätsproblemen
Die Geschichte der ukrainischen Luftfahrt ist traditionell eng mit der österreichischen Fliegerei verbunden: Am 1. April 1918 wurde die erste regelmäßige Flugverbindung der Welt zwischen Wien und Kiev eingerichtet! Die engen Verbindungen halten bis heute an: Austrian Airlines und Ukraine International fliegen im Codeshare bis zu 24mal wöchentlich zwischen den beiden Hauptstädten.
Als 1991 die Ukraine ihre Unabhängigkeit erhielt, war der Luftverkehr im Land kurz vor dem Zusammenbruch. Auf völlig veralteten Flughäfen, ohne ausreichende Infrastruktur, flogen nach der Abspaltung des Landes nur noch wenige mehr oder weniger schrottreife Flugzeuge der Air Ukraine. Das Land war im Umbruch und konnte sich erst in den letzten Jahren, auch Dank hoher ausländischer Investitionen, wirtschaftlich erholen.
Gerade in der 2,7-Millionen-Metropole Kiev kann man heute die Aufbruchsstimmung erkennen - die zivile Luftfahrt kann sich über große Zuwächse freuen!
Kiev - pulsierende ukrainische Metropole.
Kiev - Zhuliany
Kiev verfügt heute über drei Airports: Zhuliany ist der älteste Flughafen der Stadt und wurde 1924 eröffnet. Heute wird er fast ausschließlich für Inlandsflüge genutzt. Auf der 1.800 Meter lange Piste starten und landen vor allem die Maschinen von kleineren ukrainischen Airlines wie Aerostar, Motorsich, Challenge Air oder Lviv Airlines die hauptsächlich auf russisches Fluggerät setzen.
Einzige Ausnahme waren bisher Flüge von Georgian Airlines nach Tiflis - diese wurden aber im Sommer 2007 nach Borispil verlegt. Zhuliany hat heute nur noch von Montag bis Samstag geöffnet. Wer den Flughafen am Wochenende besucht, steht zumeist vor verschlossenen Türen!
Direkt neben dem Flughafen befindet sich allerdings ein absolutes fliegerisches Highlight: Das Kiev Aviation State Museum. Mit einer Vielzahl an Flugzeugen aus russischer Bauart zählt dieses Museum wohl zu einem der interessantesten Luftfahrtmuseen Europas.
Einer der größten ukrainischen Luftfahrt-Wartungsbetriebe, ARP 410 (Kiev Aircraft Repair Plant 410), hat seinen Sitz ebenfalls am Flughafen Zhuliany. Der von der Stadtregierung geführte Flughafen möchte zukünftig gerne in den Ausbau der Piste und des Terminals investieren. Ungenügende finanzielle Mittel werden eine Umsetzung jedoch nicht so schnell zulassen.
Antonov AN-26 der ARP 410 Airlines.
Eine phantastische Sammlung von Fluggeräten russischer bzw. sowjetischer Provenienz: Luftfahrtmuseum Kiev.
Kiev - Antonov/Gostomel
Der Flughafen Kiev-Gostomel, befindet sich im Norden der Stadt und wird nur noch als Frachtflughafen verwendet. Antonov Airlines hat ihre gewaltigen An-22, An-124 und ihr einziges An-225 Flugzeug in Gostomel stationiert. Weiters sind dort auch noch Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe angesiedelt.
Borispil - Kievs internationaler Gateway
Für die Abwicklung aller internationalen Flüge ist der ca. 30 Kilometer südwestlich der Innenstadt gelegene Airport Borispil verantwortlich. Die erste Landung eines Verkehrsflugzeuge erfolgte im Jahr 1959, als eine Tupolev Tu-104 der Aeroflot in Borispil aufsetzte.
Anfangs durften nur Maschinen aus Moskau den Flughafen benutzen, bis am 20. Mai 1965 der neu gebaute Terminal A (heute Domestic) in Betrieb ging. Erst Anfang der achtziger Jahre wurde westlichen ausländischen Airlines der Anflug von Borispil gestattet! Als erster Flughafen auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR erhielt der Airport 1979 ein ILS.
Während des kalten Krieges wurde der Flughafen auch militärisch genutzt. Das erste sowjetische Transport-Regiment hatte dort beispielsweise lange Zeit ihr Il-76 Geschwader stationiert.
Das Terminal A aus den 1960er Jahren versprüht heute noch Sowjet-Charme.
Die Ukraine ist mit ca. 600.000 Quadratkilometern mehr als sieben mal so groß wie Österreich - aufgrund der schlechten Straßeninfrastruktur ist das Flugzeug als Transportmittel für seine Bewohner eine absolute Notwendigkeit. Auch heute noch werden die Ticketpreise auf Inlandsflügen vom Staat subventioniert, um den Ukrainern das Fliegen zu ermöglichen.
Wie in vielen Bereichen brach nach nach dem Zerfall der UdSSR in der ukrainischen Luftfahrtlandschaft zunächst einmal Chaos aus. Wie schlecht es der ukrainischen Luftfahrt bis vor kurzen noch ging, zeigt ein interessantes Beispiel: Im Jahre 2003 waren laut ukrainischem Luftfahrtregister 1.386 zivile Flugzeuge zugelassen jedoch nur 434 davon waren in einem flugtüchtigen Zustand!
Trotzdem haben sich die Passagierzahlen in der Ukraine zwischen dem Jahr 2000 und 2005 fast verdoppelt - das zeigt, welches Entwicklungspotenzial in der Ukrainischen Luftfahrt steckt.
Kiev Borispil heute
Der Flughafen Borispil ist heute Heimatbasis von Aerosvit und Ukraine International Airlines. Beide Fluggesellschaften verwenden modernes Boeing-Fluggerät. Während Aerosvit auch Langstreckenflüge nach Asien (Bangkok, Delhi) und in die USA (New York) durchführt, konzentriert sich Ukraine International voll und ganz auf den lukrativen westeuropäischen Markt. Wien wurde als eine der ersten internationalen Verbindungen bereits ab 1994 von Ukraine International angeflogen.
Alle großen europäischen Airlines wie British Airways, Lufthansa oder Air France fliegen Kiev-Borispil heute regelmäßig an. Delta Airlines ist die einzige westliche Fluggesellschaft, die mehrmals wöchentlich Langstreckenflüge nach Kiev (von New York) anbietet.
Austrian Airlines fliegen seit 1991 nach Kiev.
Der Flughafen verfügt heute zwar über mehrere Abfertigungsgebäude, kämpft aber trotzdem immer wieder mit Kapazitätsengpässen. Terminal A wird heute wie erwähnt ausschließlich für Inlandsflüge genutzt. Acht Check-In Counter stehen dem Passagier zur Verfügung. Aufgrund der beengten Platzverhältnisse im gesamten Terminal gibt es nur ein Gepäcksband im Ankunftsbereich. Das führt bereits dann zu Gedränge, sollten nur zwei Inlandsflüge gleichzeitig landen!
Terminal B wurde Anfang der achtziger Jahre gebaut und platzt heute trotz diverser Ausbaumaßnahmen aus allen Nähten. Aufgrund beengter Platzverhältnisse im Ankunftsbereich und der ukrainischen Grenzkontrollen muss der Passagier bei der Ankunft mit einer Kontrollzeit von mindestens 45 bis 60 Minuten rechnen. Trotzdem - dank gelockerter Einreisebestimmungen - ein Fortschritt im Vergleich zu früher!
Das internationale Terminal verfügt über drei Jetways, alle anderen Passagiere werden mittels Vorfeldbussen zu ihren Flugzeugen gebracht. Ein moderner Duty Free Bereich, Lokale und kleinere Geschäfte erwarten den Passagier und unterscheiden das relativ moderne Gebäude in dieser Hinsicht kaum von einem anderen westeuropäischen Terminal. Trotz einer erst im Jahre 2006 durchgeführten Erweiterung erreicht das Bauwerk aufgrund seiner beengten Platzverhältnisse häufig seine Kapazitätsgrenze.
Terminal C wird vom stark wachsenden Business Verkehr benutzt. Weiters befindet sich dort auch der VIP-Bereich für Regierungsflüge.
Transitpassagieren, die eine Übernachtung in Kiev benötigen, steht das flughafeneigene 3* Hotel "Borispil" zur Verfügung.
Im Jahr 2006 konnte der Flughafen Kiev-Borispil erstmals mehr als fünf Millionen Passagiere abfertigen - noch im Jahre 1999 wurden mit praktisch der gleichen Infrastruktur nur 1,3 Millionen Fluggäste abgefertigt. Mit zwei parallelen Pisten, 18L/36R mit 4000 Metern und 18R/36L mit 3500 Metern Länge ist der Airport aber zumindest was die Runway-Kapazität betrifft hut ausgestattet - alle gängigen Flugzeugtypen können starten und landen. Trotzdem wurde bereits ein Pisten-Neubau angedacht.
Ähnliche Probleme wie im Terminalbereich, gibt es auch bei der Infrastruktur auch "landside": So stehen für den PKW-Verkehr nur ungenügende Parkmöglichkeiten zur Verfügung. Der Bau einer Parkgarage könnte da rasche Abhilfe schaffen, nur sind die finanziellen Mittel dafür nicht vorhanden. Auch die öffentliche Anbindung zwischen Stadtzentrum und Flughafen ist ebenfalls ungenügend. Zwar gibt es eine Autobusverbindung ins Stadtzentrum - aufgrund einer Fahrtzeit von fast einer Stunde erscheint diese jedoch nicht besonders attraktiv.
Falls alle Ausbaupläne umgesetzt werden, erinnert wohl kaum mehr etwas an den alten Flughafen.
Flughafenausbau dringend notwendig
Längst fällige Ausbauprojekte sollen in den nächsten Jahren in Angriff genommen werden. Mit Hilfe japanischer Investoren soll bis zum Jahr 2010 das neue Terminal D mit einer Gesamtfläche von 70.000 Quadratmetern in Betrieb gehen. Seit längeren im Gespräch ist auch der Bau einer Flughafen-Express Zugsverbindung.
Um weitere dringend benötigte finanzielle Mittel zur Verbesserung der Infrastruktur des Flughafens aufzubringen wird bereits auch über eine Privatisierung des Airports laut nachgedacht - vielleicht besinnt man sich ja auch hierzulande auf die alten fliegerischen Verbindungen zwischen den beiden Partnerstädten Wien und Kiev. Österreichische Investoren für Airport-Projekte gäbe es ja...
Links:
www.airport-borispol.kiev.ua
www.airport.kiev.ua
avia-museum.org.ua
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