Verfasst am: 26.07.08 19:09
Von: Michael Priesch (Text & Fotos), Andreas Müller, Roland Bergmann (Fotos)
Farnborough 2008
Die alle zwei Jahre stattfindende Luft- und Raumfahrtmesse in Farnborough gilt als einer der wichtigsten Termine in der Luftfahrtbranche. Rund 1500 Aussteller treffen sich am mittlerweile zum Businessairport ausgebauten Flugplatz unweit von London um ihre neuesten und interessantesten Produkte den etwa 140.000 Fachbesuchern an den eigens für diese eingerichteten Tagen und den 130.000 Besuchern an den zwei Publikumstagen vorzustellen.
Neben den rund 100 ausgestellten Hubschraubern und Flugzeugen aller Art bekommen die Besucher in den Messehallen und Pavillons auch Informationen über alle Bereiche der Luftfahrtindustrie. Egal ob es sich um Zulieferbetriebe für den Flugzeugbau, verschiedene Dienstleister für Fluglinien und Flughäfen oder um Betriebe aus der Fertigungstechnik, die ihre neuesten Produktionsmaschinen, Materialien oder andere Innovationen präsentieren, handelt.
Heuer feierte die Farnborough Airshow auch noch ihr 60-jähriges Jubiläum und während an den Fachtagen die neuesten Errungenschaften an der Tagesordnung standen, zeigte man an den Publikumstagen auch einen kleinen Querschnitt aus der Luftfahrtgeschichte der letzten 60 Jahre.
Wir hatten die Möglichkeit an zwei Fachbesuchertagen vor Ort zu sein. Leider herrschte meistens typisch britisches Wetter, was sich teilweise leider auch auf die folgenden Bilder auswirkte.
Avro Vulcan B.2
Ein Flugzeug aus vergangenen Tagen, das wohl jedes Fliegerherz zum Rasen bringt, zeigte sich in Farnborough nach vielen Jahren wieder in seinem Element. Die legendäre Avro Vulcan B.2 mit dem Kennzeichen XH558 wurde in den letzten acht Jahren am Flughafen in Bruntingthorpe in mühevoller Restaurationsarbeit und unter gewaltigem finanziellen Aufwand wieder flott gemacht und bekam rechtzeitig zur Airshow-Saison 2008 die nötigen Genehmigungen um sich wieder in der Luft zu zeigen.
Nach einem ohrenbetäubenden Start, durch den wohl jede Autoalarmanlage am benachbarten Parkplatz ausgelöst wurde, zeigte sie ein eher gemächliches Programm. Trotzdem war es mehr als beeindruckend dieses gewaltige und vor Kraft strotzende Flugzeuge wieder in seinem Element zu sehen.
EADS
Das zweite große Highlight im täglichen Flugprogramm war natürlich der Airbus A380. Nach einem sportlichen Start stellte das größte Passagierflugzeug der Welt seine beeindruckende Wendigkeit zur Schau.
Airbus und der Mutterkonzern EADS hatten wohl die stärkste Präsenz in Farnborough. Neben einem Pavillon, der natürlich nur für geladenes Klientel zugänglich war, bot man für die Öffentlichkeit auch den größten Messestand in Halle 4.
Neben sämtlichen Airbus-Modellen war natürlich auch das Tankflugzeug auf Basis des A330 und der Militärtransport A400M ein großes Thema. Aber auch der A350 XWB sowie der A380 waren allgegenwärtig. Die starke Präsenz dürfte sich auch gelohnt haben, ging doch Airbus bei den Bestelleingängen als Gewinner nach Hause. Insgesamt 277 Festbestellungen wurden in Farnborough verkündet. Besonders nennenswert sind dabei insgesamt 98 Bestellungen für den A-350 von Asiana, Dubai Aerospace Group, Etihad, Avianca und Tunis Air sowie 6 Bestellungen für den A-380 von Etihad.
EADS war natürlich auch mit militärischen Produkten stark vertreten. In erster Linie wie zu erwarten mit dem Eurofighter Typhoon, dem neuen Paradejäger der Luftwaffen von Großbritannien, Deutschland, Spanien, Italien und auch Österreich. Der Eurofighter konnte im Static display, an den Pavillons der Konzerne Finmeccanica und BAE Systems sowie natürlich in der Luft bestaunt werden.
Boeing
Mit Zivilflugzeugen war der amerikanische Hersteller Boeing überraschenderweise recht schwach vertreten. Als einziges Flugzeug wurde eine Boeing 777-300ER der Air India präsentiert. Obwohl man dieses Flugzeug mittlerweile auf jedem größeren Flughafen sehen kann, ist man bei näherer Betrachtung immer wieder beeindruckt von der Größe des Flugzeugs und der Konstruktion der robusten Fahrwerke und der gewaltigen Triebwerke.
Ein Triebwerk der B-777 war übrigens auch am Stand von General Electric zu bestaunen. Das GE90-115B ist das größte und stärkste Triebwerk der Welt und liefert bei Volllast beachtliche 519kN Schub. Der Durchmesser des Triebwerks entspricht übrigens etwa dem Rumpfdurchmesser einer Boeing 737.
Alenia
Nicht weniger wendig als der A380 zeigte sich die Alenia C-27J Spartan. Anscheinend konnte man auch das amerikanische Militär damit beeindrucken. Bestellten die Amerikaner doch letztes Jahr 145 Maschinen dieses Typs für die U.S. Air Force und U.S. Army.
Alenia war weiters auch noch mit einer ATR-42MP der Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache, sowie mit einer ATR-72 der Kingfisher Airlines aus Indien zu sehen.
Aermacchi
Ein weiteres Produkt aus der italienischen Ecke ist die Aermacchi M-346. Der Entwurf des kleinen und wendigen Strahltrainers stammt ursprünglich von der russischen YAK/AEM-130 ab und wurde für den westlichen Markt adaptiert. Russische Komponenten kommen dabei nicht mehr zum Einsatz.
Russische Hersteller
Die Russen glänzten heuer im Static display großteils durch Abwesenheit. Bis auf zwei sichtlich betagte MIG-29 der slowakischen Luftwaffe gab es keine russischen Produkte zu bestaunen. Die beiden MIG-29 wurden übrigens einer Modernisierung unterzogen und wurden auf NATO-Standard gebracht.
Sämtliche russischen Hersteller begnügten sich heuer damit nur Modelle ihrer Produkte an ihren Ständen zu zeigen. Sukhoi zeigte dabei u.a. den neuen Superjet 100. Der neue Kurz- und Mittelstreckenjet hatte erst kürzlich seinen Erstflug und ist wohl der erste Jet aus russischer Produktion, der auch im Westen auf ernsthaftes Interesse stößt. Nachdem ItAli Airlines bereits vor einiger Zeit als erster westlicher Kunde zehn Exemplare bestellt hatte, wurde in Farnborough noch der Verkauf von 5 Stück an eine Schweizer Leasingfirma sowie 20 Stück an einen bisher ungenannten Kunden verkündet. Insgesamt stehen bereits beachtliche 98 Bestellungen in den Auftragsbüchern.
Außer den genannten Modellen und einem modern gestalteten Stand gab es von Sukhoi leider nicht besonders viel zu sehen bzw. zu erfahren.
Auch Antonov war mit einem Stand in der Russenecke in Halle 1 vertreten. Anscheinend setzt man beim ukrainischen Hersteller voll auf die AN-148 von der man gleich einige Modelle in verschiedenen Versionen zeigte.
Auch Tupolev durfte natürlich nicht fehlen, aber auch hier gab es die Flugzeuge nur im kleinen Maßstab zu bestaunen.
Verschiedene Zulieferer und Fertigungsbetriebe aus Russland waren mit eigenen Ständen vertreten. Vor allem der Stand der Firma Aviaexport dürfte die Herzen von Modellbauern gewonnen haben.
Auffällig war, dass sich vor allem Hersteller von Businessjets um Käufer bemühte. Jeder versuchte seine aufpolierten Flugzeuge in besonders exklusivem Rahmen an den Mann zu bringen. Während Dassault und Bombardier das Besichtigen ihrer Produkte nur den Wohlbetuchten vorbehielt, gestattete uns z.B. Raytheon sehr wohl einen Blick in ihre Flugzeuge.
Raytheon
Raytheon zeigte neben der neuen Hawker 900XP...
...auch die neue und überraschend groß wirkende Hawker 4000.
Embraer
Embraer zeigte leider nur mit einem Legacy 600 Flagge. Weiters gab es noch zwei Mock-up der neuen Businessjets Lineage (auf Basis der Embrear 170) und der Phenom (eine Neuentwicklung) zu sehen.
Gulfstream Aerospace
Während sich auf der anderen Seite des Flughafens beim GA-Terminal die Jets aus dem Hause Gulfstream fast schon stappelten, waren an der Messe selbst nur zwei Exemplare zu sehen. Für den Businesskunden wurde die Gulfstream G-V-SP G550 angeboten...
... und für den Krieg führenden Kunden gab es die kaum wieder zu erkennende modifizierte Gulfstream G-V-SP G550 Eitam der Israel Air and Space Force zu sehen. Dieses Frühwarnflugzeug wird bei IAI Aerospace in Tel Aviv umgebaut und stößt bereits bei einigen Luftwaffen der Welt auf reges Interesse.
Bombardier
Neben sämtlichen Businessjets aus dem Hause Bombardier zeigte man ebenfalls einen modifizierten Global Express, der zum Frühwarnflugzeug umgebaut wurde. Die Flugzeuge mit der Bezeichnung Sentinel R1 sind bisher nur in geringer Stückzahl bei der Royal Air Force im Einsatz und der deren Basis befindet sich in RAF Waddington.
Farnborough Aircraft
Ein für uns völlig neues Flugzeug wurde mit der Farnborough Aircraft F1 Kestrel vorgeführt. Dabei handelt es sich um ein einmotoriges 4-sitziges Geschäftsreiseflugzeug, das vor allem der PC-12 von Pilatus gefährlich werden könnte. Nicht umsonst machten sich Mitarbeiter von Pilatus am Stand von Farnborough Aircraft schlau.
Bell / Augusta Aerospace Company
Ein interessantes Konzept stellt die Bell-Augusta BA-609 dar. Der größere militärische Bruder, die MV-22B Osprey, war bereits 2006 in Farnborough zu sehen und befindet sich heute bereits im Einsatz im Irak. Die kleinere BA-609 dürfte wohl eher auf kommerzielle Kunden zugeschnitten sein.
Bell zeigte außerdem noch Klassiker wie die Bell 407. Obwohl schon ein älterer Entwurf, verkaufen sich diese Helikopter nach wie vor blendend.
Augusta hatte außerdem fast seine gesamte Produktpalette vor Ort. So auch die Augusta AB-139...
...und die A-109S Grand der Clear Skies Aviation. Die A-109S unterscheidet sich von der Vorgängerversion A-109 vor allem durch eine größere Kabine. Die A-109S hatte 2002 ihren Erstflug und mittlerweile sind bereits 15 Stück an Kunden ausgeliefert worden.
Flugvorführungen
An den Fachbesuchertagen gab es jeweils etwa 2 ½ Stunden Flugprogramm zu sehen. Während dieser Zeit war der Flughafen für den kommerziellen Verkehr gesperrt und der Himmel gehörte nur den vorführenden Maschinen.
Täglich im Flying Display zu sehen war die Boeing F/A-18F Super Hornet. Diese Version der F-18 ersetzte die legendäre F-14 Tomcat als Standardjäger der U.S. Navy. Die Maschine in Farnborough hob aber auch noch zusätzlich vormittags und abends zu Probeflügen ab, vermutlich für zukünftige Kunden.
Nicht direkt im Flugprogramm, aber doch in der Luft konnte die wunderschön restaurierte DC-6 G-APSA in Bemalung der British Eagle betrachtet werden. Die Maschine ist im Besitz der Air Atlantique aus Coventry und bevor sie die Bemalung aus dem Jahre 1959 erhielt war sie in den historischen Farben der KLM unterwegs.
Ein weiteres Highlight war die leider nur kurze Vorstellung der Rockwell B-1. Der Überschallbomber startete jeweils in Fairford und führte täglich zwei spektakuläre Überflüge durch. Anscheinend übertrieb die Crew am ersten Tag ein wenig, als man mit knapper Schallgeschwindigkeit über den Zuschauerraum donnerte und so fiel die Vorstellung am folgenden weit gemächlicher aus.
Eine F-16 im Flugprogramm durfte natürlich auch nicht fehlen. Der meistgebaute Kampfjet und das Rückgrat vieler Luftwaffen der Welt zeigte eine spektakuläre Vorstellung.
Wie schon erwähnt war auch der Eurofighter in seinem Element zu sehen. Das Flugzeug der britischen Luftwaffe stellte seine extreme Wendigkeit unter Beweis und es hatte fast den Anschein, als würde der Pilot keine Sekunde auf seinen Nachbrenner verzichten.
Vor und nach dem täglichen Flugprogramm herrschte am gegenüberliegenden Teil des Flughafens Hochbetrieb. Zeitweise im Minutentakt landeten die verschiedensten Businessjets und von der kleinen Kingair war bis zum Airbus A319CJ fast jeder gängige Typ vertreten.
Stellvertretend dafür ein Bild des wohl schönsten BBJ der uns in diesen Tagen vor die Linse rollte.
Abschließend möchten wir uns noch beim Österreichischen Verkehrsbüro und beim Team von www.airpower.at für die tolle Organisation und die gute Betreuung bedanken.