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Verfasst am: 15.10.09 11:00

Von: Martin Dichler

From the Office: Seagle Air

Mit Seagle Air A320 nach Cap Verde.

Die slowakische Seagle Air konnte in den vergangenen zwei Jahren eine rasante Entwicklung verzeichnen: Nachdem das 1995 gegründete Unternehmen in den ersten Jahren seiner Geschichte nur mit Let-410 Charter- und Paketdienste geflogen war, expandierte man im Bereich der Geschäftsfliegerei und übernahm schließlich im Jahr 2007 eine erste Boeing 737-300 für Passagierflüge.

Die erste Maschine wurde dann längerfristig an den rumänischen Low Cost Carrier Blue Air vermietet, bereits im April 2008 wurde eine zweite Boeing 737 (OM-HLB) übernommen und für Iraqi Airways im Wet Lease eingesetzt. Die Fluglinie aus dem Zweistromland konnte damit erstmals nach den Jahren der internationalen Isolation wieder Destinationen in Europa anbieten. Für diese Flüge wurde die OM-HLB in Amman stationiert, die Boeing 737-300 kam auf den Strecken Baghdad-Athen-Stockholm, sowie Baghdad-Amman und Baghdad-Beirut zum Einsatz. Diese unter teils recht schwierigen operativen Voraussetzungen durchgeführten Flüge boten der jungen Airline die Möglichkeit, viele wichtige Erfahrungen zu sammeln.

Während die ersten beiden Flieger unter ACMI (Aircraft, Crew, Maitenance, Insurance) Verträgen bei fremden Airlines unterwegs waren, eröffnete man mit einer weiteren Boeing 737 (OM-HLC) während der Sommersaison 2008 eine Charterbasis in Prag. Die dort stationierte Maschine flog erstmals unter eigener Seagle Air Flugnummer für verschiedene tschechische Reiseveranstalter Charterketten in den Mittelmeerraum.

Sehr bald wurde klar, dass die Charterflüge lukrativ war - die Seagle Air Manager wollten dieses daher ausbauen. Nachdem auch der slowakische Sommercharter ein gutes Geschäft versprach, bemühte man sich im Winter 2008 bei den dortigen Veranstaltern um Aufträge. So kam es, dass Seagle Air im Sommer 2009 fast 100% des slowakischen Chartermarktes übernehmen konnte. Zusätzliche Festaufträge in Italien (Verona) sowie diverse Einzelcharter rundeten das Programm der Airline ab.

Durch die vielen Aufträge wurde es im Sommer sogar notwendig, Fremdgerät bei anderen Airlines anzumieten, um alle Aufträge abwickeln zu können. Zur Überbrückung der Engpässe wurde eine ehemalige Kaliningrad Avia Boeing 737 (OM-HLX) für vier Monate kurzfristig angemietet. Trotzdem war es absehbar, dass weiteres Fluggerät beschafft werden muss. Die Geschäftsführung der Airline beschloss daher, einen neuen Flugzeugtyp in die Flotte zu integrieren.

Am 8. April 2008 wurde ein erster Airbus 320-211 mit 180 Sitzplätzen in die Flotte aufgenommen. Dank eines günstigen Angebotes der Leasingfirma konnte die OM-HLD zu attraktiven Konditionen übernommen werden. Der Airbus war zuvor bei TAP Air Portugal geflogen und zählt mit der Seriennummer 234 und Baujahr 1991 zu den eher älteren A320. Nach einer gründlichen technischen Überholung bei TAP in Lissabon kam die Maschine bei Seagle Air im Frühjahr 2008 erstmals zum Einsatz. Obwohl man ja zuvor auf das Produkt Boeing 737 vertraut hat, berechnete man, dass mit dem Airbus-Modell zu niedrigeren Stückkosten mehr Passagiere befördert werden konnten.

Bei dem Seagle Air Airbus 320 handelte es sich übrigens in der Slowakei um das erste zugelassene Flugzeug dieses Typs. Am 4. Juni wurde bereits ein zweiter A320 von der Airline übernommen. Die OM-HLE, ein neuerer Airbus 320-232 mit der Seriennummer 453 wurde ursprünglich im Jahre 1994 an Onur Air als TC-ONE ausgeliefert und flog zuletzt bei TAM Brasil.

Auf dem Weg nach Boa Vista

Zu den interessantesten Seagle Air Flügen der heurigen Sommersaison zählte sicherlich eine wöchentlich Charterrotation auf die kapverdischen Inseln. Boa Vista (bedeutet "schöner Anblick") liegt südlich der Insel Sal und ist dem afrikanischen Kontinent am nächsten. Der nur fünf Kilometer von der Inselhauptstadt Sal Rei entfernte Flughafen wurde erst im Jahr 2007 für internationale Flüge eröffnet und verfügt über eine nur 2200 Meter lange Piste.

Boa Vista - die Insel im Atlantik ist der Traum vieler Urlauber

Am Freitag, dem 25. September 2009 bot sich für mich die Möglichkeit für einen Mitflug im Cockpit auf der letzten Rotation Bratislava-Boa Vista. Insgesamt sollte die Flugzeit (inklusive Zwischenlandungen) für den Flug BTS-FUE-BOA-FUE-BTS ganze 18 Stunden betragen! Eine einmalige Gelegenheit, um mehr über die Airline und vor allem die Aufgaben der erfahrenen Seagle Air Piloten zu erfahren. Flug SJ 3581 sollte uns zuerst in fünf Stunden und zehn Minuten von Bratislava nach Fuerteventura bringen.

Unser Abflug war für 09:15 Uhr geplant. Nachdem ich die Genehmigung der Airline für einen Jump Seat Flug erhielt, kam ich um 07:30 Uhr im Hauptquartier der Airline am Flughafen an, um mich mit der Crew zu treffen. Wie ich bereits im Vorfeld erfahren hatte, sollte die erste Strecke Bratislava-Fuerteventura von Kapitän Anton Sotter geflogen werden. Kapitän Felix Bures, welcher den zweitenTeil des Fluges übernehmen würde, war mir bereits durch zwei gemeinsame Jump Seat Flüge auf einer Air Slovakia Boeing 757 bekannt. Durch den langen Flug auf die kapverdischen Insel wurde der Einsatz einer zweiten Crew notwendig. Rastio Flögl und Maciej Goscinski übernahmen den Retourflug.

Jeder Flug beginnt natürlich mit einer gründlichen Vorbereitung. Ich begab mich gemeinsam mit der Crew in den Briefing Raum, wo alle relevanten Details des Fluges nach Fuerteventura und Boa Vista besprochen wurden. Die vom Dispatch vorbereiteten Unterlagen wurden gesichtet, Wetterkarten studiert und schließlich auch der Treibstoffverbrauch nochmals berechnet.

Für jeden Flug unerlässlich: eine gute Flugvorbereitung.

Für den fünf Stunden und 10 Minuten dauernden ersten Teil unseres Fluges wurde ein Treibstoffbedarf von 14.418 kg Kerosin berechnet. Darin enthalten waren 1.247 kg Reserve und 1.000 kg Kerosin für den möglichen Ausweichflughafen Cran Canaria. Auf dem Flug nach Fuerteventura begleiteten uns nur 18 Passagiere, der zweite Teil der Strecke wurde als Leerflug (nur Crew) geflogen.

Nach der gründlichen Vorbereitung begaben wir uns in den Crewbus zum GAC Bereich, wo wir gemeinsam die Kontrolle passierten und weiter zu unserem Flugzeug gebracht wurden. Die Techniker der Seagle Air hatten bereits ihre Arbeit geleistet und die Crew bestieg unser Flugzeug, die OM-HLE. Nach einer kurzen Einweisung durch die Techniker über wartungsspezifische Details nahmen die Piloten nach einem gründlichen Rundgang um das Flugzeug ihre Sitzplätze im Cockpit ein.

Die wirkliche Arbeit für die Crew begann erst jetzt. Das Flight Managment System wurde programmiert und letzte Vorbereitungen für den Abflug getroffen. Wie vor jeden Start wurden auch hier alle möglichen "Worst Case"-Szenarien durchgesprochen und die dafür nötigen Verfahren besprochen.

Kapitän Felix Bures flog bereits mehrere tausend Flugstunden auf anderen Jets, bevor er auf den A320 wechselte

Um 09:15 Uhr erhielten wir vom Tower die Genehmigung für den Engine Start Up und fast gleichzeitig wurde unser Flugzeug auch schon zum Taxiway zurück gepusht. Nach dem Verlesen der entsprechenden Checklist wurden wir über den Taxiway Alpha zum Holdingpoint der Piste 04 geschickt. Nach dem Verlesen der Checklisten für den Start gab Kapitän Sotter um 09:28 Uhr Schub und unser Flugzeug setzte sich in Bewegung. Nach einer kurzen Rollstrecke hob unser Airbus A320 ab und wir stiegen auf 3.000 Fuß Höhe. Vienna Radar übernahm uns bereits kurz nach dem Start und durch unser geringes Abfluggewicht erreichten wir schon bald unsere Reiseflughöhe von 39.000 Fuß.

Ein ruhiger Flug stand uns bevor und bereits um 10:05 Uhr überflogen wir Bozen, um schon kurze Zeit darauf einen wolkenlosen Blick auf die Region Mailand werfen zu können. Madrid und Malaga sollten zwei weitere Städte auf unserer Reise auf die Kanarischen Inseln werden, die von unserem Cockpit aus gut zu erkennen waren.

Nachdem wir das europäische Festland bereits vor längerem verlassen hatten, bekamen wir um 13:52 Uhr die Freigabe zum Sinkflug nach Fuerteventura.

Final Approach auf Fuerteventura.

Die butterweiche Landung erfolgte auf Runway 01R und wir rollten zu unserem Abstellplatz direkt vor dem neu gebauten Terminal. Nachdem die Passagiere den Jet verlassen hatten, begleitete ich Kapitän Sotter auf seinem Rundgang am Vorfeld des Flughafens, wo unter anderem auf äußere Schädn geachtet wird.

Nach einem relativ kurzen Aufenthalt in Fuerteventura und dem Auftanken von zusätzlichen 14.700kg Treibstoff flogen wir nach Boa Vista weiter. Laut Wettervorhersage sollten wir uns auf regnerisches Wetter bei unserer Landung vorbereiten.

Auf unserem Flug über den Atlantik begegneten uns auf selber Flughöhe zwei entgegenkommende Airbus A-330 der TAP Air Portugal, wodurch unser Airbus leicht "durchgeschüttelt" wurde - genauso wie bei darauf folgenden regnerischen Anflug auf Boa Vista. Nachdem der Landeanflug schon mit unseren A320 sehr unruhig war, kann ich mir einen TACV Flug mit einer der regelmäßig verkehrenden Let-410 bei diesen Wetterverhältnissen als durchaus abenteuerlich vorstellen!

Während des Sinkfluges waren auch bereits recht großflächige Überschwemmungen in der Hauptstadt Sal Rei auszumachen. Am Flughafen Rabil hatte es in den vergangenen Stunden ebenfalls heftig geregnet und ein Teil der Piste war überflutet - mittlerweile hatte es aber bereits zu regnen aufgehört.

Vor der Landung auf Boa Vista wurde noch eine Platzrunde geflogen.

Die heftigen Regenfälle hinterließen ihre Spuren auf der Runway.

Dies war jedoch kein Problem für meinen erfahrenen Kapitän Felix Bures und so landeten wir nach einer Platzrunde um 14:45 Uhr Ortszeit (minus drei Stunden zur mitteleuropäischen Sommerzeit) am Flughafen von Rabil. Nach dem Ausrollen wurden wir auf das kleine Vorfeld (drei Parkpositionen) geleitet und der erste Teil unseres Fluges war damit erledigt.

Die Infrastruktur des Flughafens Rabil ist relativ einfach gestaltet. Ein kleiner Terminal in Form einer Burg, ein Tower und eine Feuerwache bieten den täglichen drei Flügen zur Hauptstadtinsel Sal die Basis ihrer Operationen. Die OM-HLE war während des gesamten Aufenthaltes die einzige Maschine am Vorfeld, so dass es aus fliegerischer Sicht leider nichts Interessantes zu sehen gab.

Nach dem Entladen des Gepäcks, dem Boarding der Passagiere und dem Wechsel der Crew starteten wir nach knapp einer Stunde wieder in Richtung Fuerteventura. Diesmal übernahm Kapitän Rastio Flögl den ersten Teil des Heimfluges.

Rastio ist Kanadier, geboren in der Slowakei und kann auf eine langjährige fliegerische Laufbahn in Kanada zurückblicken. Nach seiner Ausbildung zum Berufspiloten in Kanada, startete er seine Karriere beim Ministerium für Gesundheit. Dort hatte er die Möglichkeit, viel fliegerische Erfahrung unter schwierigsten Bedingungen in der Kanadischen Wildnis zu sammeln. Mit einer Beech 200 flog er in die entlegensten Gebiete des riesigen nordamerikanischen Landes, um Kranke und Verletzte in die nächsten Krankenhäuser zu fliegen.

Später wechselte er zu Jazz Air Canada, wo er auf Dash 8-300 und zuletzt auch CRJ-900 flog. Bedingt durch die allgemeine Luftfahrtkrise, bekam er die Möglichkeit bei einer anderen Airline Stunden abzufliegen, ohne bei Air Canada gekündigt zu werden. Diese Möglichkeit brachte ihn wieder in die alte Heimat zurück, wo er jetzt als A320-Pilot für Seagle Air fliegt.

Nach knapp vier Stunden Flug landeten wir beim letzten Abendlicht bereits zum zweiten Mal in Fuerteventura. Den zweiten und letzten Teil des Heimfluges nach Bratislava übernahm Kapitän Maciej Goscinski. Maciej ist gebürtiger Pole und kann bereits auf mehr als 3.000 Stunden Erfahrung auf dem Airbus 320 zurückblicken. Daher arbeitet er bei Seagle Air auch als Instruktor für diesen Typ.

Nach einer Pilotenausbildung bei Airbus bekam Maciej schon unmittelbar nach seinem erfolgreichen Abschluss das Angebot, beim neu gegründeten indischen Low Cost Carrier Indigo zu fliegen. Nach einigen Jahren in Indien und anderen zwischenzeitlichen Engagements wechselte er im vergangenen Jahr zu Seagle Air, um den Aufbau der Airbusflotte mitzuorganisieren. So war er für die Übernahme der beiden A320 mitverantwortlich und überstellte die Maschinen ins heimatliche Bratislava.

Startvorbereitungen in Fuerteventura vor dem neuen Terminal.

Inzwischen hatte ich knapp 14 Stunden am Jump Seat verbracht. Trotz aller Bemühungen weiter wach im Cockpit zu bleiben, überkam mich kurz nach dem Start in Fuerteventura die Müdigkeit und ich entschied mich, die restlichen vier Stunden mit den anderen 149 Passagieren in der Kabine des Flugzeuges zu verbringen.

Der perfekte Arbeitsplatz - das Airbus Cockpit.

Nach einem schmackhaften Essen auf meinem Platz, schlief ich innerhalb kürzester Zeit ein und träumte bis zur Landung in Bratislava...

Ich möchte mich an dieser Stelle für die Unterstützung zum Gelingen dieses fantastischen Fluges bei Jaroslav Riecicky (Seagle Air Sales Manager), Peter Hanac (CEO Seagle Air), Cpt. Felix Bures, Anton Sotter, Maciej Goscinkski, Rastio Flögö und der gesamten Crew des Fluges nach Boa Vista, recht herzlich bedanken!


 
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