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Verfasst am: 15.06.10 06:15

Von: Philipp Weber

Das Zentrale Museum der Luftwaffen in Monino

Ein Rätsel, verpackt in ein Mysterium, in einem Enigma

Dieses Zitat, geprägt von Winston Churchill vor mehr als 70 Jahren, um die stalinistische Sowjetunion zu beschreiben, trifft auch heute noch auf Vieles im modernen Russland zu – im Kleinen, wie im Großen.

Als ich 2007 zum ersten Mal selbst nach Russland gereist bin, um die MAKS in Zhukovski zu besuchen, war ich mehr als neugierig und gespannt, was meine Reisegruppe und mich erwarten würde, war doch auch ein sehr interessantes und vielfältiges Rahmenprogramm geplant.

Von einem Tagesausflug dieses Rahmenprogramms soll der folgende Bericht nun handeln.

Ein Museum der besonderen Art

Red Stars
Red Stars

Das Zentrale Museum der Luftwaffen wurde 1958 auf dem Gelände der ehemaligen Luftwaffe-Basis Monino gegründet und am 23. Februar 1960 schließlich eröffnet.

War das Museum anfangs zivilen Besuchern nicht zugänglich, da einige der Ausstellungsstücke damals noch „streng geheim„ waren (mehr dazu später), so hat sich dies mittlerweilen dank Glasnost und Perestroika geändert.

Rund 40 km von Moskau entfernt und für russische Verhältnisse sehr verkehrsgünstig an der Gorkiy-Autobahn gelegen, könnte man das Haupttor zum Gelände dennoch sehr leicht verfehlen.

Nach längerer Fahrt durch einen schier endlosen Wald, der lediglich von der Autobahn schneisenartig geteilt wird, sticht dem Vorbeifahrenden ein verbleichtes Metallschild an einer Steinmauer ins Auge, das darauf hinweisst, dass sich hinter Stacheldraht und Wäldern eine weltweit wohl einzigartige Sammlung historischer Flugzeuge befindet.

Erwartet man jedoch ein multimedial aufbereitetes Erlebnis a la RAF Museum Hendon, USAF Museum Dayton oder RN Museum Yeovilton, wird Monino jedoch schnell eine Begegnung und ein Erlebnis der besonderen Art.

Hat man erst einmal das Haupttor passiert, wird einem während der Anfahrt durch den bereits erwähnten Wald, vorbei an verfallenden Barracken und Holzverschlägen schnell bewusst, dass dieser Museumsbesuch unvergesslich werden wird.

Voller Erwartung aus dem Bus ausgestiegen, findet man sich dann an einem kleinen Stand wieder, nicht unähnlich der vielen Obstverkaufsstände, wie man sie etwa während der Sommermonate an Straßenrändern sehen kann.

Anstatt Obst wurden jedoch hier die Eintrittskarten verkauft. Typisch russisch von einer alten Frau, die auch dann gleich versucht hat, uns unseren Führer vorzustellen, was jedoch an der gegenseitigen Sprachbarriere etwas gescheitert ist.

Ebenfalls an diesem Stand wurden wir bereits von unserem Guide erwartet, der uns sehr freundlich auf russisch begrüsste, um dann auf Englisch hinzuzufügen, daß wir herzlich eingeladen seien, alles was wir wissen wollten zu fragen.

Unser Tourguide
Unser Tourguide

Mit Führer, Eintrittskarte und gedrucktem Museumsprogramm in holprigem Englisch ausgestattet, ging ess dann auch sogleich los. Und mit los meine ich los! Direkt hinter dem beschriebenen Stand findet man sich auf einer großen Fläche wieder, die einen Großteil der Sammlung beherbergt, und etwas mehr - aber auch davon später mehr.

Die Sammlung – The times, they are a changing

Mein Interesse für die Fliegerei datiert in meine früheste Jugend zurück und die lag noch in jener Zeit, in der der Kalte Krieg in den letzten Zügen lag.

Ich habe damals mit der regelmäßigen Lektüre und dem Sammeln von Fachmagazinen begonnen (oder solchen, die sich selbst so bezeichnet haben), „Aero„, „Flug Revue„ und „Air International„ versorgten meinen Wissensdurst über Flugzeuge also mit Informationen.

Gut kann ich mich noch daran erinnern, wenn neue unscharfe Satellitenfotos von neu ausgemachten sowjetischen Kampfflugzeugen aufgetaucht waren und in der Fachpresse für Aufruhr sorgten, vor allem jene Modelle, die man heute als „Flanker„ und „Fulcrum„ kennt.

Die SU-27 und die MIG-29 ließen trotz des nahen Endes des Kalten Kriegs die Verantwortlichen in der NATO noch einmal erschaudern.

Jedes der erwähnten Satellitenfotos wurde genauestens studiert und als sogenannte „Artists Impression„ in immer neuen Kampfszenarien gemalt und publiziert.

Scharfe Fotos jedoch aus nächster Nähe blieben damals (noch) ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest hätte ein westlicher Beobachter, so er überhaupt in den Besitz solcher Fotos gekommen wäre, dieses Erlebnis sicher nicht unbeschadet überstanden.

Wie sich die Zeiten doch ändern!

Gleich hinter dem Eingang finden sich nun Prototypen der früher so gefürchteten SU-27 und MIG-29.

Suchois
Suchois

Migs
Migs

Ebenfalls gleich nach Betreten der Museumsanlage wird man mit einem weiteren Charakteristikum dieser Sammlung regelrecht „konfrontiert„. Die Exponate sind nicht hinter Absperrungen abgestellt, sondern mehr oder weniger frei zugänglich, eine Tatsache, die bei einigen Flugzeugen für großartige Fotogelegenheiten sorgt.

Tu-22 Blinder
Tu-22 Blinder

Das Arsenal des Schreckens
Das Arsenal des Schreckens

Dass fast alle Flugzeuge unter freiem Himmel abgestellt sind ist ihrem Zustand nicht unbedingt zuträglich, dennoch sind die meisten Exemplare noch in sehr gutem Zustand, bedenkt man die Tatsache, dass ihnen wenig bis gar keine Restaurierungsarbeit zu Teil wird.

Hat man das erste Staunen nach Betreten der Sammlung einmal hinter sich gebracht, erwartet den luftfahrtbegeisterten Besucher ein „Wow„-Erlebnis nach dem Anderen.

Da die Anordnung der Exponate dem wortwörtlichen „Rundgang„ mehr als entgegenkommt – alle Ausstellungsstücke sind mehr oder weniger rechteckig um eine große Fläche in der Mitte angeordnet, die die größten Flugzeuge beherbergt – spielt es keine Rolle, in welche Richtung man aufbricht, aus dem Staunen wird man nicht mehr herauskommen.

Zwischen jenen Typen, die man mehr oder weniger gut kennt, finden sich Typen, die einzig und allein in Monino ausgestellt sind.

Egal ob Tupolev, MIG oder Sukhoi, hier findet man ganze Ahnenreihen jener Typen, die den Deutschen im Zweiten Weltkrieg, und danach dem Westen während des Kalten Krieges Angst und Schrecken eingejagt haben.

WW2 Static
WW2 Static

Tu-95 Bear
Tu-95 Bear

Auch wenn während der Konfrontation mit der NATO keinerlei Kosten und Mühen gescheut worden waren, immer schnellere, höher/weiter fliegende und tödlichere Waffensysteme zu entwickeln, war manchen Typen trotz überragender Leistung kein Erfolg beschieden.

Zwei Vertreter dieser Gattung stellen meiner Meinung auch die Glanzstücke der Sammlung dar, die Mjassischtschew M-50 NATO Codename „Bounder„ und die Sukhoi T-4 (100).

Bounder T10
Bounder T10

Sukhoi T4 (100)
Sukhoi T4 (100)

Erstere kann als Gegenstück zur amerikanischen Convair B-58 „Hustler„ gesehen werden, kam jedoch im Gegensatz zur ihre amerikanischen Pendant nicht über das Prototypen-Stadium hinaus, auch wenn sie erfolgreich öffentlich vorgeführt worden war. Mangelnde Reichweite und wachsende, politisch besser etablierte Konkurrenz aus dem Hause Tupolev sorgten dafür, dass dem OKB Mjassischtschew nach der Produktion der Type M-4 „Bison„ (der erste große russische Düsenbomber) und eben der M-50 kein Erfolg mehr beschieden war.

Im Gegensatz dazu war das Modell T-4 (100) wohl seiner Zeit etwas zu weit voraus und hatte ähnlich seinem amerikanischen Gegenstück, der XB-70 „Valkyrie„, das Pech, zu einer Zeit zu erscheinen, da Flugabwehr-Raketen, sogenannte SAMs eine immer ernstere Bedrohung für große Bomber darzustellen begannen und interkontinentale ballistische Raketen, von U-Booten abgefeuert, dem traditionellen Bomber, bewaffnet mit Atombomben, den Rang als Abschreckungswaffe Nummer 1 abgelaufen hatten.

Nichtsdestotrotz stellt die T-4 (100) ein Glanzstück russischer Ingenieurskunst dar, war sie doch als Erste fast gänzlich aus Titan gebaut und mit einem analogen Fly-by-Wire Flugkontrollsystem ausgerüstet, da sie aerodynamisch instabil ausgelegt war.

Ein weiteres besonderes Feature stellt die absenkbare Nase dar, die sonst nur bei der Concorde, sowie der Tu-144 zum Einsatz kam.

Hinter diesen beiden Modellen findet sich eine Halle, die weiter Highlights der Sammlung in Monino beherbergt.

Bringt man im Allgemeinen Namen wie Gotha oder Zeppelin-Staaken mit den ersten Riesenflugzeugen in Verbindung, die im Ersten Weltkrieg für Bombenangriffe eingesetzt worden sind und die Grundlage auf der alle späteren mehrmotorigen Flugzeuge entwickelt wurden, so gebührt diese Ehre trotzdem ebenfalls einem russischen Konstrukteur, der später in die USA emigriert Weltruhm erlangen sollte – Igor Sikorsky mit seiner Ilya Muromets.

Stand man kurz zuvor noch im Schatten der T-4 oder M-50, so ist die Muromets eher klein, man darf jedoch nicht vergessen, dass sie sich kaum 10 Jahre nach dem ersten motorisierten Flug in die Luft erhob.

Ilya Muromets
Ilya Muromets

Voisin
Voisin

Ebenfalls in der Halle befindet sich eine Voisin, eines der ersten Militärflugzeuge der Russischen Imperialen Luftstreitkräfte, sowie die LA-7 des führenden russischen Jagdfliegerasses des Zweiten Weltkriegs, Ivan Kozhedub.

Ein besonderes Stück stellt auch die Tupolev ANT-25 dar, ein Exemplar einer ganzen Serien von Tupolevs, die in den 20er und 30er Jahren mehrere Last- und Langstreckenrekorde aufstellten, und so die Grundlage aller späteren weltberühmt gewordenen Tupolev Konstruktionen bildeten.

LA-7 Khozedub
LA-7 Khozedub

Tupolev ANT-25
Tupolev ANT-25

Zwei weitere einzigartige Exponate verdienen noch spezielle Erwähnung – der Beriev VVA-14 „Wing-in-Ground Effect„ Prototyp, ein Vorläufer des „Kaspischen Seeungeheuers„, so wie ein experimenteller Raumgleiter, die MIG-015 Spiral EPOS, der wohl als Gegenstück zum amerikanischen „Dyna Soar„ Projekt entwickelt worden ist, und der als Urahn von Richard Bransons „Spaceship 2„ gesehen werden kann.

Beriev WIG
Beriev WIG

MIG Reentry Vehicle
MIG Reentry Vehicle

Unser Führer, nach eigener Aussage ein „former MIG fighter pilot„ konnte zu beiden Modellen nicht viel sagen, dafür waren sie, aus nächster Nähe betrachtet, umso eindrucksvoller.

Dass Monino auch von fast jedem jemals zur Einsatzreife gelangten russischen Helikopter ein Exemplar sein Eigen nennt, blieb bis jetzt unerwähnt, versteht sich aber von selbst.

Besonders eindrucksvoll natürlich sind die großen Modelle MIL-MI 6, MI 10 und MI 12.

MIL-MI 10
MIL-MI 10

Ein normal nicht zugänglicher Bereich des Museums sorgte für sehr interessante Fotomöglichkeiten und ein amüsantes Erlebnis am Rande.

In einem abgetrennten Eck findet sich so etwas wie ein Schrottplatz voll abgewrackter und ausgeschlachteter Flugzeuge. Hier findet man Typen wie eine MIG-23 mit interessanter französischer Inschrift auf dem Bug, eine YAK-28, eine MIG-25 sowie eine Mjassischtschew M-17, ebenfalls ein Typ mit sehr interessanter Geschichte. Ursprünglich als Jagdflugzeug (!) zum Abschuss hochfliegender US-Spionageballons entwickelt, wurde der Typ später zur Atmosphärenforschung eingesetzt und zur M-55 weiterentwickelt.

Winds of change
Winds of change

End of the road
End of the road

Das Exemplar am Schrottplatz wies einige interessante Beschriftungen auf...

Mystic tail
Mystic tail

Im Lichte jüngster vulkanischer Ausbrüche und Vorfälle wären wohl einige Exemplare der M-55 sehr sinnvoll verwendbar gewesen.

Als wir in Mitten dieser Wracks fotografieren wollten, versuchte uns eine Gruppe junger Soldaten mit einem herrischen „No Fotograf„ zu verjagen.

Was zunächst wie eine brenzlige Situation aussah, wurde nach dem Herumreichen einer Packung westlicher Zigaretten sehr schnell aufgelöst und von da an konnten wir sogar in die Wracks und später auch in die Exponate klettern, um Fotos zu machen.

Geophysica
Geophysica

Fahrwerksschacht Bison
Fahrwerksschacht Bison

Auf dem Rückweg zum Ausgang schlenderten wir schließlich noch an der zivilen Kollektion vorbei, die mit Typen wie der TU-114, TU-124, TU-144, AN-22 und IL-62 aufwarten kann.

Die Tu-124 machte nach einem Blitzschlag keinen allzu guten Eindruck mehr, der Rest der zivilen Sammlung präsentierte sich jedoch in einem sehr guten Zustand, auch wenn ein bisschen Konservierungsarbeit der zivilen Kollektion ebenso gut tun würde.

Tu-114
Tu-114

Tu-124
Tu-124

Concordski
Concordski

„Was für ein Tag„

Diese Worte waren mehr als einmal zu hören, als wir uns nach dem Besuch des Museums wieder bei unserem Bus versammelten.

Natürlich hatte jedes Mitglied unserer Gruppe eigene Interessen und somit auch eigene Favoriten unter den ausgestellten Typen, eines war uns allen jedoch gemeinsam.

Wir waren tief beeindruckt von den Exponaten, die vom hohen Können und der großen Fertigkeit der russischen Konstrukteure und Flugzeugbauer zeugten.

Und was vor weniger als 30 Jahren noch unmöglich gewesen wäre, nämlich einen derart tiefschürfenden Blick auf die Technik hinter dem Eisernen Vorhang zu werfen, gehört heute für Luftfahrtenthusiasten schon fast zum Pflichtprogramm eines Moskau-Besuchs.

Der Zustand der Flugzeuge kann als gut bis sehr gut bezeichnet werden, das Museum selbst versprüht dennoch einen eigenartig morbiden Charme.

Was man in den vergangenen Stunden bewundernd betrachtet und fotografiert hat, war mit zu dem Zweck konzipiert worden, den Westen in Schach zu halten und für den Fall eines Krieges zu bezwingen.

E166
E166

Mjassischtschew Bounder and Bison
Mjassischtschew Bounder and Bison

Dass die exorbitanten Rüstungsanstrengungen wesentlich zum Untergang der Sowjetunion mit beigetragen haben, lässt die Exponate in einem eigenen, besonderen Licht erstrahlen.

Und in welchem Museum sonst kann man sich in Fahrwerkschächten von ehemaligen Atombombern fotografieren lassen, oder an Raketenpylonen modernster Kampfjets Klimmzüge machen?

Und wo kann man nach getanem Besuch noch gemütlich mit der einheimischen Besucherschaft vor den Toren des Museums gemütlich grillen und ein „Sibirskaya Korona„ genießen?

Nachbeschäftigung nach Museumsbesuch
Nachbeschäftigung nach Museumsbesuch

Wer diesen Artikel gelesen hat, kennt die Antwort auf diese Fragen.

Zum Abschluss noch einige Impressionen aus der Anlage:

Das Cockpit zu dem im Artikel erwähnten Wing-in-Ground effect Prototyp aus dem Hause Beriev.

Beriev WIG
Beriev WIG

Der erste in Serie produzierte Düsenjäger aus dem Hause Mikojan-Gurewitsch-die MIG-9

MIG-9
MIG-9

Das Gegenstück zur britischen Kestrel, Vorläufer des YAK-38 STOVL Fighters der Sowjetischen Marine, die Yak-36

Yak-36
Yak-36

Die Suchoi "Sotka" von hinten, man kann erahnen, welche Kraft da dahinter gesteckt hat, um das Flugzeug auf über Mach 3 zu beschleunigen

T-4 (100)
T-4 (100)

Das Arbeitstier der sowjetischen Marine U-Bootjäger Staffel, die Beriev BE-12

Beriev BE-12
Beriev BE-12

Die Weitläufigkeit des Geländes wird durch das Fehlen jeglicher Absperrungen betont

Panorama
Panorama


 
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