von Martin Metzenbauer

 

Vor einigen Tagen feierte eine berühmte Dame ihren fünfzigsten Geburtstag: Genau am 27. Mai 1955 startete die SUD Aviation SE.210 mit dem Kennzeichen F-WHHH vom französischen Flughafen Toulouse zu ihrem ersten 41 Minuten dauernden Flug – der Öffentlichkeit wurde der Flugzeugtyp eher als "Caravelle" bekannt.

Das nach dem bekannten europäischen Segelschifftyp (mit den "Caravelas" konnte man erstmals gegen den Wind kreuzen) benannte Flugzeug war erst das dritte Düsenverkehrsflugzeug weltweit. Die ersten beiden Passagierflugzeuge mit Strahltriebwerken – die deHavilland DH 106 "Comet" (Erstflug 1949) und die Boeing 707 (Erstflug 1954) – waren allerdings eher für den Langstreckeneinsatz vorgesehen. Die Caravelle war somit der erste Jet für den Kurz- und Mittelstreckenverkehr.

 

Die Caravelle OE-LCO stand von 1965 bis 1971 im Dienste von Austrian Airlines. Auf diesem Foto ist sie in Linz zu Gast.

Foto: Wilhelm Sighart

 

Der Flugzeugtyp war von seiner Konstruktionsweise her in mancherlei Hinsicht ungewöhnlich: Die Anordnung der Triebwerke am Heck beispielsweise war in den Fünfziger-Jahren komplett neu, wird aber bis heute erfolgreich in der Zivilluftfahrt verwendet – Hauptvorteil ist ein niedrigerer Lärmpegel in der Kabine. Ebenfalls eine Novität war die eingebaute Stiege im Heck der Maschine. Und genauso neu war auch die Integration des Höhenleitwerks ins Seitenleitwerk.

Insgesamt wurden sechs verschiedene Serien-Caravelle-Typen (plus Subtypen) vorgestellt: Die ersten Modelle wurden als Caravelle I bezeichnet – fast alle wurden später zur Serie III umgebaut, die über stärkere Rolls Royce Avon Triebwerke verfügte.

 

Die OE-LCI "Salzburg" flog von 1964 bis 1971 für Austrian Airlines und wurde dann an Luxir abgegeben. Dieses stimmungsvolle Bild entstand 1968 in Stockholm.

Foto: Lars Söderström

 

Die Serie VI-N (Erstflug 1960) hatte dann noch einmal stärkere Motoren und ein um ca. 2000kg höheres Startgewicht. Das Modell VI-R (später auch bei Austrian Airlines in Verwendung) war mit Umkehrschub sowie Änderungen im Bremssystem und an den Störklappen ausgestattet.

Eine einzige mit General Electric (GE)-Triebwerken nachgerüstete Caravelle III wurde als Caravelle VII bezeichnet. In Serie ging dafür eine um einen Meter (auf exakt 32,01 Meter) verlängerte Maschine, die schließlich zur Caravelle 10 wurde. Mit den GE-Motoren wurde sie als Caravelle 10A, mit den bekannten Pratt & Whitney JT8D-Triebwerken als Caravelle 10B bezeichnet. Mit diesen Turbinenmustern nachgerüstete VI-Rs wurden als Typ 10R umbenannt.

Nur sechs Exemplare der Serie 11 wurden gebaut – diese besaßen im vorderen Bereich eine große Cargo-Türe und war um einen knappen Meter länger als die Caravelle 10. Das längste Derivat des eleganten Airliners erhielt schließlich die Bezeichnung 12 und konnte mit einer Gesamtlänge von über 36 Metern bis zu 128 Passagiere befördern. Davon wurden insgesamt 12 Maschinen gebaut – die letzte wurde 1973 mit der Seriennummer 280 an die französische Inlandsfluglinie Air Inter ausgeliefert.

 

Die OE-LCE war die zweite Maschine, die in den Farben von Austrian Airlines flog - hier ist sie auf der damaligen Technischen Basis am Flughafen Wien auf einer Aufnahme vom Juli 1968 zu sehen.

Foto: Steve Williams

 

Mehr als 120 Fluglinien – von Aerocesar bis ZAS – setzten die Flugzeugtype ein. Die wichtigsten Betreiber der Caravelle waren Air France (die 46 Maschinen einsetzte), die skandinavische SAS und Alitalia (die über jeweils 21 Flugzeuge verfügten), sowie Sterling, Iberia, Air Inter, Finnair und die amerikanische United, die alle jeweils mehr als zehn Exemplare betrieben.

Auch die heimische Austrian Airlines setzte auf die Maschine aus Frankreich: Von 1963 bis 1972 waren insgesamt fünf Maschinen des Typs im Einsatz. Es handelte sich um Caravelle VI-R mit 80 Sitzplätzen, welche die seinerzeitige Vickers Viscount Turboprop-Flotte ergänzten. Die Maschinen erhielten die Kennzeichen OE-LCA, OE-LCE, OE-LCI, OE-LCO und OE-LCU (die Abfolge der letzten Buchstaben nach dem alten österreichischen AEIOU-Wahlspruch war wohl kein Zufall). Sie wurden 1971 und 1972 außer Dienst gestellt und durch Douglas DC-9-32 ersetzt.

 

Noch bis in die 1990er-Jahre war die Caravelle bei diversen europäischen Charterfluglinien im Einsatz. Auf diesem Bild sieht man eine Exemplar aus der Serie 10B von Sterling - aufgenommen in den frühen Achtzigern auf dem Flughafen Salzburg.

Foto: Markus Buttinger

 

Ob heute noch eine Caravelle im regulären Liniendienst steht, ist eher unwahrscheinlich. Vor einigen Jahren wurde noch eine Maschine von Gabon Express im Inlandsverkehr eingesetzt, nach dem Absturz einer HS 748 der Airline dürfte diese allerdings gegroundet worden sein. In Schweden gibt es Bemühungen, eine Caravelle in flugtüchtigen Zustand zu bekommen. In Europa stehen jedenfalls noch einige Examplare in Museen (zum Beispiel im Musée de l'Air et de l'Espace in Le Bourget oder im Musée Royal de l´Armée in Brüssel).

Die Caravelle stellt einen bedeutenden Meilenstein in der Luftfahrtgeschichte dar – wollen wir hoffen, dass man die elegante Dame mit den charakteristischen Dreiecksfenstern damit würdigt, zumindest einige Exemplare in gutem – vielleicht sogar flugfähigem Zustand – zu erhalten.

 

> World Air Routes: Gabon Express (Review auf Austrian Aviation Net)

> Fotos der Caravelle von Gabon Express

> Le Caravelle Club (Stockholm)

> Musée de l'Air et de l'Espace (Paris)

> Musée Royal de l´Armée (Brüssel)

 

 

Wir danken den Fotografen Markus Buttinger, Wilhelm Sighart, Lars Söderström und Steve Williams , dass sie uns freundlicherweise einige Caravelle-Bilder zur Verfügung gestellt haben. Die Copyrights für die Fotos liegen ausschließlich bei den Fotografen!