von Andy Graf
 

Fliegerei und Landwirtschaft gehören schon seit langem zusammen: Piloten vernichten mithilfe ihrer Flugzeuge Ungeziefer oder verscheuchen Vögel – wie die berühmten "Star-Fighter" im Burgenland. Die Gegend rund um die niederösterreichische Stadt Krems ist bekannt für önologische Spezialitäten wie Riesling oder Müller-Thurgau aber auch für ihre zahlreichen Obstgärten. Der natürliche Feind sowohl der Wein- als auch der Obstbauern ist der Hagel. Damit dieser keinen allzu großen Schaden anrichten kann, kümmern sich bereits seit ein paar Jahrzehnten die berühmten Hagelflieger. Diese haben am Flugplatz Krems-Langenlois ihre Zelte (bzw. Hangars) aufgeschlagen, von wo sie von der knapp einen Kilometer langen Asphaltpiste zu ihren wichtigen Missionen starten.

Aber beginnen wir ganz am Anfang: Dass es eine solche Hagelabwehr im Raum Krems überhaupt gibt, ist dem früheren Langenloiser Bürgermeister Alois Kargl zu verdanken. Er lernte bei einem Urlaub 1952 in Südtirol die dortige Hagelabwehr kennen und war davon so begeistert, dass er nach großen Hagelschäden in den Jahren 1953 und 1955 ein Gremium beauftragte, eine solche Einrichtung auch für den Raum Krems zu konzipieren.

 

Die 1970 gebaute Cessna 172 OE-DLS führt ihre Silberjodid-Brenner vor.

 

Im Jahre 1956 wurden dann die ersten vom Boden aus abgefeuerten Raketen zur Hagelabwehr eingesetzt. Verwendet wurde (und wird heute noch) Silberjodid – ein Salz, das eiskeimbildend wirkt.

Dazu aber zuerst ein paar Metereologie-Basics: Hagel entsteht so, dass um Verschmutzungen (so genannte Keime) das in den Gewitterwolken vorhandene Kondenswasser gefriert. Durch die in solchen Wolken herrschende Thermik werden diese nach oben und nach unten befördert. Beim Aufstieg haftet immer mehr Eis am Keim, beim Herunterfallen schmilzt wieder etwas Eis ab um dann beim nächsten Aufstieg wieder zu gefrieren. Durch ihr zunehmendes Gewicht schießen die Hagelkörner schließlich in Richtung Boden, wo durch ihre verheerende Wirkung mitunter vollständige Ernten zerstört werden können.

Wenn Silberjodid nun in eine Gewitterwolke eingebracht wird, bewirkt dies, dass das Wasser nun viel mehr Eiskerne zur Verfügung hat, als wenn diese Substanz nicht in den Wolken vorhanden wäre. Dadurch bilden sich zwar auch Hagelkörner - diese sind aber viel keiner und schmelzen entweder bis sie den Boden erreicht haben, oder richten zumindest kaum mehr Schaden an.

Im Laufe der Zeit wurden im Raum Krems-Langenlois ca. 140 Abschusskanonen für Silberjodid-Raketen aufgestellt. Durch diverse Umstrukturierungen im Weinbaugebiet kam es aber in Laufe der Zeit zu einer lückenhaften Besetzung worauf sich die Misserfolge häuften. Die Hagelabwehr stand knapp vor dem Ende.

 

Das älteste Exemplar der Hagelflieger: Die 1962 gebaute Cessna 210 mit Einziehfahrwerk.

 

Doch dann entschied man sich für den Fortbestand mit anderen Methoden – in den 1970er Jahren wurden Kleinflugzeuge eingesetzt, um das Silberjodid direkt in die Wolken einzubringen. Nach Verhandlungen mit dem Union Sportflieger Club Krems einigte man sich über die Benützung der Einrichtungen am Flughafen. 1977 wurde eine Cessna U206F geleast und die Piloten stellten sich unentgeltlich zur Verfügung. Als Vorbereitung wurden auch Lehrgänge über Hagelabwehr in Deutschland und den USA besucht um die anfänglich ausbleibenden Erfolge zu verbessern.

Im Jahre 1979 wurde dann eine Piper PA23 Aztek gekauft um in größere Höhen vordringen zu können und somit die geschützten Flächen vergrößern zu können. Später wurde dann auch noch eine Cessna 401 samt Piloten angemietet.

 

Die Cessna 206 der Hagelabwehr Krems.

 

Durch die verbesserte Gewitterbeobachtung und die steigende Erfahrung der Hagelpiloten gewann man schließlich die Einsicht, dass die Gewitterwolken nicht von oben, sondern von unten – im starken Aufwindbereich – besser zu bekämpfen sind. Die angemietete Cessna 401 wurde retourniert und die Piper PA23 verkauft. Zusätzlich zur Cessna U206F wurde eine Cessna 210 und eine Cessna 172 angekauft. Die Flugzeuge wurden mit 2 Generatoren mit jeweils 10 Silberjodid-Fackeln bestückt.

Zur Dokumentation und weiteren Hagelforschung wurde auch ein 10-jähriges Versuchprogramm gestartet. Insgesamt 140 Stationen in einer 2 x 2 km Rasterung wurden zu einem Hageltestplattennetz zusammengefasst. Die Auswertung der verwendeten Styroporplatten führte die ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik). Der Flugwetterdienst Wien-Schwechat übernahm die Beratung und Betreuung des Versuches. Zusätzlich wurde 1987 sogar ein Wetterradar in Krems angeschafft. So wurden immer wieder Neuerungen und letzte Erkenntnisse in die Hagelabwehr integriert. Der Vergleich mit nicht geschützten Gebieten zeigte, dass ein deutlich niedrigerer Hagelniederschlag registriert wurde - somit wurden die Mühen und Aufwendungen rechtfertigt.

 

66,6% der Kremser Hagelflieger-Flotte im Formationsflug.

 

Finanziert müssen die Hagelflieger natürlich auch werden: Der Kulturschutzverein muss mit einem Jahresbudget von ca. € 100.000 die Ausgaben bewältigen. Zusätzlich wird dieses Schutzprogramm aus freiwilligen Beiträgen der Wein- und Obstbauern des Abwehrgebietes gestellt. Die Summe vom € 20.- pro Hektar Wein- oder Obstfläche entspricht dem Verkaufspreis von einigen Flaschen Wein.

Übrigens unterstützen auch die ansässigen Autohändler seit einigen Jahren aus verständlichen Gründen die Kremser Hagelflieger...


Flotte:

OE-DUM Cessna 206 Baujahr 1972 2 Silberjodid-Generatoren, 2 Fackel-Batterien
OE-DSD Cessna 210 Baujahr 1962 2 Silberjodid-Generatoren, 2 Fackel-Batterien
OE-DLS Cessna 172 Baujahr 1970 2 Silberjodid-Generatoren, 2 Fackel-Batterien

Alle Fotos: Copyright Andy Graf

 

> Union Sportfliegerclub Krems-Langenlois