von Martin Metzenbauer
 

Im Airlinegeschäft Erfolg zu haben, ist in der heutigen Zeit keine einfache Sache: Verluste in schwindelerregenden Dimensionen gehören seit einigen Jahren quasi zur Normalität, die zunehmende Konkurrenz schafft einen ungeheuren Preisdruck, Überkapazitäten tun ihr übriges. Wenn eine Fluglinie erfolgreich sein möchte, muss sie schon mit einem besonderen Konzept aufwarten – ansonsten sind die Flieger schneller gegroundet als man denkt.

Eine der Luftfahrtgesellschaften, die in mehrerer Hinsicht "Besonderes" zu bieten hat, ist sicherlich InterSky. Im vorarlbergischen Bregenz beheimatet, fliegt sie vom nahen Friedrichshafen in Baden-Württemberg und nennt sich nicht umsonst "Bodensee-Airline". Das bedeutet, dass sie als Einzugsgebiet nicht eine Stadt oder ein Land, sondern eine drei Staaten überschreitende Region mit einer Population von mehr als drei Millionen Menschen besitzt. Trotzdem war dem Flughafen Friedrichshafen als einziger überregionaler Airport dieser Region vor der "Landung" von InterSky ein eher ruhiges Dasein beschieden. Das Angebot war dürftig und wer fliegen wollte, musste in der Regel auf die Flughäfen München oder Zürich ausweichen. Für InterSky bedeutete das also eine perfekte Nische.

 

(Auch) im Gebirge zuhause: Dash 8-300Q von InterSky.

Foto: Roger Hohl – aerogate.net

 

Die Gründerin und Miteigentümerin der Fluglinie ist – und das ist die nächste InterSky-Besonderheit und weltweit wohl ein Unikat – eine Frau: Renate Moser war nach Tätigkeiten bei Philips, Flughafen Wien und Rheintalflug mehr oder weniger durch Zufall zur Airlinechefin avanciert. Als sie 2001 eine Dash 8 der inzwischen in der Austrian Airlines Group aufgegangenen Rheintalflug veräußern sollte, kam der 11. September 2001 dazwischen, sie blieb auf dem Flieger "sitzen" und gründete damit gleich eine eigene Airline.

Die nächste Besonderheit ist die Tatsache, dass InterSky eine Low Fare Airline ist – an sich nichts aufregendes. Absolut unüblich ist ein solches Konzept allerdings mit dem Turboprop-Modell Dash 8 als Fluggerät. Für die sonst üblichen 737- oder 320-Modelle würde wohl das Passagieraufkommen nicht ausreichen und gleich große Jets hätten deutlich höhere Betriebskosten.

Dass die Strategie der Fluglinie aufgeht, zeigt sich in steigenden Passagier- und Umsatzzahlen – 2005 wurden 142.000 Fluggäste befördert. Und schließlich ist die Airline – fast schon branchenunüblich – profitabel: 2004 und 2005 wurden Gewinne geschrieben!

 

InterSky-Gründerin Renate Moser.

Foto: InterSky

 

Die treibenden Kräfte hinter InterSky waren von Anfang an Renate Moser – im Bereich des Marketing und der unternehmerischen Seite – und ihr Mann Rolf Seewald, der sich als langjähriger Kapitän um den Flugbetrieb kümmert.

Im Gespräch mit Austrian Aviation Net erzählt Renate Moser von ihren eigenen Anfängen in der Fliegerei und wie es schließlich zur Gründung von InterSky gekommen ist: "Am Flughafen Wien habe ich die Luftfahrt kennen- und liebengelernt, habe dort meine ganzen Airline-Kontakte geknüpft. Da es aber ein sehr politischer Job war – und ich ein eher unpolitischer Mensch bin – habe ich mich dann mit einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit selbständig gemacht. Unter anderem war ich für EL AL und für KLM zuständig und schließlich auch für Rheintalflug. Neben der Öffentlichkeitsarbeit habe ich für letztere dann auch das Marketing auf der Seite Wien übernommen. In weiterer Folge hatte ich dann das große Glück, das Unternehmen mitaufbauen zu dürfen – von einer Dash 8 auf fünf Flugzeuge, davon drei Jets."

Das Glück währte allerdings nicht allzu lange – die lukrativen Strecken zwischen der österreichischen Hauptstadt und der Grenzregion zum "Ländle" blieben nicht lange unbemerkt. Moser: "Von Swissair und AUA kam sanfter Druck: Wenn wir nicht verkaufen, dann könnte man ein bisschen Dumping machen. Das bedeutet, dass die AUA von Friedrichshafen aus Flüge nach Wien angeboten und Swissair ab Zürich sehr günstige Preise offeriert hätte. Wir haben dann mit Verhandlungen begonnen – die Gespräche mit Swissair sind bald eingeschlafen, bald gab es die Fuglinie auch nicht mehr. Mit der AUA haben wir weiterverhandelt und den Verkauf im Februar 2001 abgeschlossen."

 

 

Die Flottenplanung bei der Austrian Airlines Group war damals offenbar noch nicht so sehr auf Homogenisierung ausgelegt wie heute. Die Embraer 145-Jets sollten bei der Flotte bleiben, die Dash 8-300 verkauft werden. Renate Moser sollte sich um den Handel kümmern: "Am 8. September 2001 bin ich nach Trinidad geflogen, um British West Indies Airways (BWIA) die beiden Maschinen anzubieten. Ein 'Letter of Intent' wurde unterschrieben und ich bin am 11. September zurück nach Europa geflogen. Als ich angekommen bin, war die Welt nicht mehr die gleiche. BWIA hat in weiterer Folge nur eine Dash 8 abgenommen, die zweite war kurz nach 9/11 natürlich nicht zu verkaufen."

Die Dinge kommen ja bekanntlich erstens oft anders und zweitens als man denkt – und dies oft in Zeiten, in denen man dies nicht für möglich hält. So trat relativ unvermittelt der Flughafen Bern auf den Plan. Renate Moser: "Die Manager des Flughafens Bern kamen auf uns zu und meinten, dass für den Charterverkehr dringend größere Flugzeuge benötigt würden. Sie erkundigten sich also, ob wir nicht nach Bern kommen wollten. Mein Mann [Rolf Seewald, Anm.] war ja noch bei der AUA beschäftigt und hat mich gefragt, ob ich das nicht machen möchte. So kam es zur Gründung von InterSky."

InterSky startete also mit der ehemaligen Rheintalflug-Dash 8 zunächst als reiner Regionalcarrier vom kleinen Flughafen der Schweizer Hauptstadt aus. Allerdings mussten gleich zu Beginn veritable Anlaufschwierigkeiten gemeistert werden: Diese hatten nicht zuletzt damit zu tun, dass der Carrier Swiss Wings in Bern kurz zuvor bankrott gegangen war und dadurch das Vertrauen der lokalen Bevölkerung in kleine Airlines deutlich geschmälert wurde. Renate Moser: "Zuerst haben die Leute in Bern Swissair-Tickets weggeworfen, dann Swiss Wings. Da meinten sie, dass die kleine neue InterSky zwar recht gut sein mag – die Tickets wurden aber sicherheitshalber erst am Tag zuvor gekauft. Am nächsten Tag würde sie ja hoffentlich noch fliegen. Von langem Vorlauf oder so war natürlich keine Rede."

 

Die Kabinen der Dash 8-300Q sind mit weißen Ledersitzen ausgestattet.

 

Für eine junge Airline waren dies natürlich alles andere als optimale Bedingungen. In diesen Tagen fand Renate Moser jedoch ein Konzept für eine Billigairline in ihrer Post – verfasst von zwei jungen Schweizern. Die beiden hatten dieses "just for fun" in ihrem privaten Interesse erstellt und erhofften sich lediglich ein wenig konstruktive Kritik der Airlinechefin.

Insofern war dann die Überraschung groß, als Thomas Jaeger und Roger Hohl in das InterSky-Büro in Bregenz eingeladen wurden und kurze Zeit später auch gleich fix auf der Gehaltsliste der Fluglinie standen – mit dem Auftrag, ihr Low Cost Konzept für und mit InterSky zu adaptieren, was sie dann offenbar auch zufriedenstellend erledigt haben. Renate Moser: "Wir haben dieses Konzept sehr schnell umgesetzt und sind damit bereits ab August 2002 damit 'on air' gewesen. Ab diesem Zeitpunkt ging es dann schnell bergauf!"

Rasch wurde danach eine zweite Maschine angeschafft, die in Friedrichshafen – eine gute halbe Stunde von Bregenz entfernt – stationiert wurde. Von dort aus wurden die Destinationen Wien, Köln und Berlin Tempelhof angeflogen und wurden mit dem Low Fare Konzept geradewegs zum "Renner".

Aufgrund der Tatsache, dass sich die Strecken ab Friedrichshafen deutlich besser als die Bern-Destinationen entwickelten, wurde auch – sehr zum Leidwesen der Schweizer – die andere Dash 8 am Bodensee stationiert und das Angebot kontinuierlich ausgebaut. Mittlerweile fliegt die Airline von Friedrichshafen aus 12 Destinationen an – neben den bereits erwähnten Strecken nach Wien, Berlin und Köln geht es nach Graz, Hamburg, Dresden, Prag sowie an die Mittelmeer-Ziele Nizza, Venedig, Neapel, Elba und Zadar.

 

Das Callcenter von InterSky in Bregenz.

 

Für die Fülle an Strecken reichten die zwei Turboprops natürlich nicht aus und ein weiteres Flugzeug musste her. So wurde im Februar 2006 die bereits dritte Dash 8-300Q mit dem Kennzeichen OE-LIC übernommen. Wenn es nach den Plänen von Renate Moser geht, war das auch nicht die letzte Neuerwerbung: "Wahrscheinlich wird 2007 ein viertes Flugzeug kommen."

Der neue InterSky-Geschäftsführer Jörg Schwingeler (Renate Moser ist seit Anfang 2006 "nur" noch in beratender Funktion tätig) ergänzt dazu: "Mittelfristig werden wir sicherlich auch mehr Sitze pro Flug benötigen, also in das Segment 70-80 Sitze einsteigen. Ob das Flugzeug dann ein Jet oder ein Turboprop sein wird, ist offen. Angesichts der hohen Treibstoffpreise würde im Moment natürlich sehr vieles für einen Turboprop sprechen." Man darf also durchaus damit rechnen, demnächst eine Dash 8-400Q in den blau-gelben InterSky-Farben zu sehen.

Übrigens wurde ein Flugzeug "klassisch" über eine Leasingfirma geleast, die anderen beiden gehören Objektgesellschaften, von denen die Flugzeuge an InterSky verleast werden. Jörg Schwingeler präzisiert: "Diese Objektgesellschaften befinden sich im Eigentum von InterSky nahestehenden Personen und Organisationen, binden aber auch interessierte Investoren ein. Der Fremdfinanzierungsanteil wurde von der Vorarlberger Landes- und Hypothekenbank bereitgestellt."

 

In Friedrichshafen verfügt InterSky über einen eigenen Wartungsbetrieb.

 

Natürlich werden wie bei jeder Airline auch immer wieder neue Destinationen überprüft – bei InterSky sind dabei natürlich die Reichweite (ca. 1.600 km) und die auf längeren Strecken ins Gewicht fallende, im Vergleich zu Jets niedrige Geschwindigkeit (ca. 500 km/h) der Dash 8-300 limitierende Faktoren. Schwingeler zu zukünftigen Destinationen: "Es gibt Überlegungen und Gespräche, aber noch keine Entscheidung. Wir prüfen weiterhin die von der Region gewünschte Verbindung nach Paris, die sich aber aufgrund knapper Slots dort bislang noch nicht umsetzen ließ. Unsere Strategie ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, deshalb werden wir die Expansion nicht übereilen, sondern schrittweise und kaufmännisch vorsichtig umsetzen."

Wie bereits erwähnt, ist die Kombination Billigairline und Turboprop eher ungewöhnlich. Interessant ist daher die Frage, ab welcher Auslastung man eigentlich profitabel fliegt. Jörg Schwingeler erklärt dazu: "Genaue Zahlen dazu möchten wir nicht veröffentlichen. Unser Break Even liegt aber deutlich unter dem größerer Airlines. Das muss auch so sein, weil man mit einem 50-Sitzer aus strukturellen Gründen wie saisonaler Effekte und mengenmäßiger Limits beim Gruppengeschäft keine Auslastung von 80% erreichen kann, wie sie in den Boeing 737- und A319/A320-Flotten anderer Low Fare-Airlines beobachtet werden kann."

Bisher war InterSky als Nischencarrier unabhängig – im Gegensatz zur Rheintalflug, die abwechselnd in Austrian Airlines- und Lufthansa Regional-Farben unterwegs waren. Ob die Teilnahme an einer Allianz oder dergleichen auch mit InterSky eine Option wäre, verneint Renate Moser vehement: "Wir müssen klein und flexibel bleiben – das ist unser großer Vorteil. Wir können auf jede Marksituation sehr rasch reagieren. Jede Zusammenlegung mit einem größeren Partner macht derzeit überhaupt keinen Sinn."

 

Derzeit besteht die Flotte von InterSky aus drei Dash 8-300Q.

 

Wie bei fast allen Low Cost Carriern üblich, bezahlt man bei InterSky nur für den Flug selbst – Bordservice wird zwar angeboten, aber nur gegen Bezahlung. Ungewöhnlich erscheint dabei, dass es auch ein Produkt eigens für Geschäftsreisende gibt – eine Business Class. Diese bietet neben einem inkludierten Bordservice auch verbesserte Möglichkeiten bei Storno und Umbuchung.

Schwingeler dazu: "Als regionale Airline waren wir mit unserem Markt besonders eng verbunden, und kannten die Bedürfnisse unserer Geschäftsreisekunden und Vielflieger aus persönlichen Kontakten. So hat InterSky von Beginn an auch Angebote für Geschäftsreisende gehabt, andere beginnen erst jetzt mit der Konzeption solcher Angebote. Unsere Business Class hat heute einen treuen Kundenkreis, wird aber naturgemäß nicht so gebucht wie die Economy. Dennoch, wir sind sehr zufrieden mit der Akzeptanz der Business Class."

InterSky konnte sich im schwierigen Umfeld der Luftfahrt in ihren ersten Jahren sehr gut behaupten. Die vielen besonderen Facetten der Airline – vom Ausfüllen eines Nischenmarktes über das Low Fare Konzept bis hin zur Verwendung des sparsamen Dash 8-Turboprops statt teurer Jets – haben diese Entwicklung gemeinsam mit der Bekenntnis des Managements zu einem langsamen aber sicheren Wachstum ermöglicht. Wenn man sich vor Augen führt, mit welch aberwitziger Geschwindigkeit viele Airline-Startups expandieren und danach rasch wie eine überdimensionale Seifenblase zerplatzen, hat man das Gefühl, dass sich InterSky auf dem richtigen Weg befindet...

 

InterSky engagiert sich auch immer wieder für soziale Projekte – hier im Rahmen von "Netz für Kinder".

Foto: InterSky

 

 

Alle Fotos (wenn nicht anders angegeben): Austrian Aviation Net

 

> InterSky

> Flughafen Friedrichshafen

> Flughafen Friedrichshafen - Livecam