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Text: Martin Metzenbauer Fotos: Ingo Lang, Martin Metzenbauer, Peter Unmuth, Gerhard Vysocan. |
"Lisunov? Wer oder was ist das?" So ähnlich sehen normalerweise Reaktionen auf die Nennung des Namens eines Fluggerätes aus, das heutzutage bereits relativ selten zu sehen ist. Wobei "relativ selten" schon schwer übertrieben ist, denn genau genommen gibt es nur noch ein flugfähiges Exemplar dieser Type. Doch was ist die Lisunov Li-2 eigentlich genau? Die meisten vom Autor dieser Zeilen im Rahmen einer spontanen Blitzumfrage interviewten Flugenthusiasten, Piloten usw. wussten gar keine Antwort darauf. Nur einige wenige sind der Wahrheit etwas näher gekommen, indem sie die Maschine als "russische DC-3" bezeichnen konnten. In der Tat wurde die Li-2 als (damals) sowjetisches Lizenzprodukt der berühmten "Dakota" aus dem kalifornischen Santa Monica in etwas weniger sonnigen Gefilden - nämlich in der Nähe von Moskau und später in Tashkent - von 1939 bis 1952 gebaut. Die Produktionszahl soll über 3.000 Stück betragen haben, davon fliegt heute eben noch genau eine Maschine. Lizenzgebühren sollen die Sowjets übrigens nie bezahlt haben...
Die letzte flugfähige Li-2 zu Gast am Flughafen Wien. Foto: Martin Metzenbauer
Doch ist die Li-2 keine 1:1-Kopie des Originals - sie unterscheidet sich in ein paar Details vom amerikanischen Muster: So wurde die Spannweite etwas verringerts, andere Motoren verwendet (Shvetsov mit 1.000 PS gegenüber Pratt & Whitney Twin Wasp mit 1.200 PS), die Fenster etwas anders angeordnet, die Passagiertüre auf der rechten Seite eingebaut sowie die Flugzeugstruktur an einigen Stellen verstärkt. Gegenüber der DC-3 hat die Li-2 eine niedrigere Geschwindigkeit und eine höhere Reichweite. Zum 50-jährigen Jubiläum der Aeroflot-Verbindung von Wien nach Moskau holte die russische Airline die - wie erwähnt - einzige flugfähige Li-2 für drei Rundflüge nach Wien. Nach erfolgreicher Klärung der Frage, was denn nun eigentlich eine Lisunov sei, haben sich die Austrian Aviation Net-Vertreter gerne auch an Bord gegeben.
Die HA-LIX ist nach dem berühmten Flugtechniker Todor Karman benannt. Foto: Martin Metzenbauer
Die Li-2 mit dem Kennzeichen HA-LIX ist - wie der Experte am Kennzeichen ablesen kann - kein "echtes" russisches Flugzeug mehr, sondern hat sich im ungarischen Budaörs niedergelassen, wo sie von einer Gruppe von Luftfahrtenthusiasten - der Gold Timer Foundation - von 1997 bis 2001 aufwändig restauriert und flugfähig gemacht wurde. Seitdem ist die 1949 gebaute Maschine immer wieder auf Airshows in Europa zu sehen. Der Einstieg in die Maschine ist schon einmal ungewohnt: Nicht etwa der Eingang auf der rechten Seite irritiert, sondern die Tatsache, dass man nach dem Hineingehen gleich noch einmal bergauf marschieren muss - die Maschine hat ja wie ihre amerikanische Schwester ein Fahrwerk mit einem Sporn- statt einem Bugrad und ist deswegen nach hinten gekippt. Nach der Strapaze auf Sitz 2C zu kommen, fallen noch einige Details auf, welche die Li-2 von ihren Enkelkindern - sprich den heutigen Verkehrsflugzeugen - unterscheiden.
Die Kabine der Li-2: 21 Passagiere haben in sieben Reihen zu drei Sitzen bequem Platz. Foto: Ingo Lang
Die
Sitze sind (etwas) weniger alt als das Flugzeug.
Foto: Martin Metzenbauer
Sogar
ein Klo gibt´s an Bord.
Foto: Martin Metzenbauer
So ist beispielsweise der Geruch ein komplett anderer als man ihn von Flugzeugkabinen gewohnt ist. Man kann ihn als eine Mischung aus altem Wohnzimmer und Motoröl bezeichnen. Nicht unangenehm, aber doch ganz anders als gewohnt. Definitiv erfreulich ist die Tatsache, dass der Sitzabstand so großzügig gewählt ist, dass auch langbeinige Menschen komfortabel auf einem der 21 Sitze Platz nehmen können. Die Sessel in der HA-LIX stammen übrigens aus einer Tupolev der ungarischen Malev! Es gibt aber noch eine Reihe weiterer Details, die einfach "anders" sind als in einem modernen Verkehrsflugzeug: Es gibt keine Hatracks, dafür aber Lüftungsdüsen, die wie aus einem 1950er-Jahre Science Fiction Film stammen könnten. Ebenso anachronistisch wirken die diversen Beschilderungen, wie zum Beispiel das überdimensionale Anschnallzeichen, das in russischer, ungarischer und englischer Sprache gehalten ist. Alles in allem: Anders, aber sympathisch!
"Bitte nicht rauchen"... Foto: Martin Metzenbauer
Nach dem Hinsetzen und Anschnallen geht es dann eigentlich auch recht schnell los: In der Kabine gibt es kein mehrfaches Durchzählen der Passagiere, keine Cross-Checks oder Durchsagen über gearmte Slides und dergleichen. Nein, bei der Li-2 werden einfach die Motoren angelassen und es geht auch schon los. Starten bedeutet auch keinen leisen automatisierten Vorgang wie beim Airbus, sondern ein leicht asthmatisches Spucken der Motoren, nach welchem sich die Propeller aber sofort und mit sattem Brummen anstandslos zu drehen beginnen.
...gilt nicht für den Motor. Foto: Ingo Lang
Kaum eingeschaltet, drehen die Dreiblattpropeller auch schon brav ihre Runden. Foto: Peter Unmuth
Um den Rollweg unmittelbar vor sich zu sehen, müssen sich die Piloten etwas nach vorne lehnen. Foto: Gerhard Vysocan
Nach dem Start und der Rollfreigabe taxelt die Maschine auch schon los - von der Parkposition am General Aviation Center zur Schwelle der nahen Runway 11, die ja eigentlich nur für Flüge der Allgemeinen Luftfahrt als Startbahn regelmäßig genutzt wird. Der Holding Point wird dabei seinem Namen gerecht - die Li-2 mit ihrer eher gemächlichen Startgeschwindigkeit muss ein paar Airliner abwarten, bevor sie sich selbst auf die Runway stellen darf.
Die Li-2 auf dem Weg zum Holding Point... Foto: Peter Unmuth
...wo ein paar jungen Leuten Vortritt gelassen wird. Foto: Peter Unmuth
Gegenlichtiger Anblick von hinten. Foto: Gerhard Vysocan
Einmal auf der Schwelle der Runway angekommen, gibt es aber für die betagte russische Dame kein Halten mehr - im Cockpit werden die Schubhebel nach vorne geschoben und die 10 Tonnen schwere Maschine erhebt sich rasch in die Luft.
Start Richtung Osten: Die Länge der Runway 11 wurde nicht wirklich voll genutzt. Foto: Martin Metzenbauer
Vom Tower erhält die HA-LIX die Freigabe, gleich in Richtung des Sichtflugkorridors entlang der Donau zu schwenken, was die Piloten auch gleich machen und dadurch recht neue und ungewohnte Einblicke in den neuen Tower zulassen. Danach geht es entlang der Donau nach Nordwesten bis nach Korneuburg. Der Reiseflug (in schätzungsweise ca. 200 Meter Höhe) geht dann recht gemächlich dahin - kaum eine Windböe schüttelt die Maschine auch nur ansatzweise und die sicherheitshalber vorbereiteten flüssigkeitsundurchlässigen Sackerln können in den Sitztaschen bleiben.
Nach dem Start von der 11 scharf links bedeutet auch links am Tower vorbei... Foto: Martin Metzenbauer
Der Donau entlang geht´s an der UNO- und Donau-City vorbei. Foto: Martin Metzenbauer
Und schon wieder ein Tower - der 252 Meter hohe Donauturm. Foto: Martin Metzenbauer
Rechtskurve bei Korneuburg Richtung Nordwesten. Foto: Ingo Lang
Blech, Nieten und eine Stadt mit Licht- und Wolkenstimmung dahinter. Foto: Martin Metzenbauer
Um wieder zum Thema "Unterschiede zu modernen Airlinern" zurückzukommen - besonders positiv fällt auf, dass der Weg ins Cockpit nicht durch Sicherheitstüren und dergleichen blockiert ist (genau genommen gibt es gar keine Türe), sondern dass man nach Rücksprache auch einen Blick in die (aller)erste Reihe wagen kann und den zwei Piloten und dem Flugingenieur über die Schulter schauen darf.
Cockpit der Li-2 mit vielen Originalinstrumenten. Foto: Ingo Lang
Nach einer knappen halben Stunde setzt die Lisunov wieder über die Donau, man sieht die Schwechater Raffinerie und glaubt, im Anflug auf die Landebahn 16 zu sein. Kurz vor dem vermeintlichen Touchdown leitet der Pilot allerdings plötzlich eine scharfe Kurve nach links ein und lässt einen Go-Around vermuten. Kurz darauf allerdings folgt eine ganz sanfte Landung - allerdings auf der Landebahn 11, die in einem verkürzten Anflug verwendet wurde. Unter Zuhilfenahme des Follow-Me Autos rollt die Li-2 zurück zum Ausgangspunkt unserer kurzen Reise.
Überquerung der Donau... Foto: Martin Metzenbauer
...mit anschließender scharfer... Foto: Martin Metzenbauer
...Linkskurve! Foto: Gerhard Vysocan
Die Li-2 im Endanflug auf die Landebahn 11. Foto: Gerhard Vysocan
Auch bei der Landung wurden die 3.500 Meter der Runway nicht voll ausgeschöpft. Foto: Martin Metzenbauer
Der Flug mit der Li-2 war - ohne Übertreibung - ein einzigartiges Erlebnis! In einer knapp 60 Jahre alten Maschine zu fliegen, von der es weltweit noch dazu nur noch ein einziges flugfähiges Exemplar gibt, ist wirklich ein kaum zu toppendes Highlight im Dasein eines Flugenthusiasten. Wir danken jedenfalls der Crew und denjenigen die das Flugzeug instandhalten für ihre tolle Arbeit und wünschen der "Karman Todor" noch viele unfallfreie Flugstunden! Herzlichen Dank natürlich auch dem Team der Aeroflot Österreich, das die Maschine nach Wien geholt hat.
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