von Martin Dichler

 

Im Rahmen der ersten Auslieferung der neuen SkyEurope Boeing 737-700 hatte ich die Möglichkeit, mit einer Gruppe von Journalisten auf Einladung von Boeing die Produktionsstätten rund um Seattle zu besichtigen. Ich möchte hier den Eindruck wiedergeben, den diese riesigen Produktionsstätten - in denen Boeing seine zivilen Flugzeuge produziert - auf mich gemacht haben.

 

Boeing Werk Renton

Dieser Besuch war der erste Tag unseres Programms bei Boeing, der nach einem typisch amerikanischen Frühstück im Hotel mit einer Besichtigung des Boeing-Werks in Renton beginnen sollte.

Renton liegt südlich von Seattle und ist in knapp 30 Minuten mit dem Auto zu erreichen. Wie wichtig unsere Boeing ID-Cards waren, die uns während der Fahrt ausgehändigt wurden, wurde uns spätestens beim Betreten des Firmengeländes klar. Ohne dieser Karte gibt es verständlicherweise keinen Zutritt - aber auch im Werk selbst muss man den Ausweis ständig sichtbar tragen, wenn man nicht regelmäßig von Mitarbeitern vor Ort auf seine Berechtigung angesprochen werden will.

Meine erste Frage an "unseren" Boeing-Mann Bob Saling, der uns während unserer Besuche begleitete, war, ob es irgendwelche Fotorestriktionen für uns gab. "No Problem", meinte der. Wir hätten Journalistenausweise und könnten fotografieren, was auch immer wir wollten! Ein großer Vorteil im Vergleich zu den offiziell buchbaren Touristentouren wo meines Wissens nach Fotografierverbot besteht!

 

 

Nach einer kurzen Information über das Werk konnten wir mit unserer Tour starten. So machten wir uns zu Fuß auf den Weg, um die verschiedenen Abschnitte der Endmontage einer Boeing 737 zu besichtigen. Bereits vor der großen Werkshalle warteten 737 Teile - wie Rumpf oder Leitwerk - um darauf als nächstes in der Halle zusammengebaut zu werden.

Diese Einzelteile werden zum Teil mit der Eisenbahn angeliefert. So darf man sich nicht wundern, wenn man rund um Renton immer wieder Züge mit mehr als zwanzig 737-Rümpfen vorbeifahren sieht! Nachdem die Seitenruder und Winglets bereits vor dem Zusammenbau lackiert werden, kann auch der zukünftige Eigentümer leicht erraten werden.

In der Werkshalle gab es dann die ersten mehr oder weniger kompletten Flugzeuge zu sehen. Insgesamt wurden während unseres Aufenthaltes gerade sechs Flieger montiert (2x RAM, 1x Indian Express, 2x Hapagfly und 1x Alaska). Wichtig sind Sauberkeit und Sicherheit in den Hallen: So ist jeder Mitarbeiter verpflichtet, während des gesamten Arbeitstages Schutzgläser zu tragen.

Die Boeing Mitarbeiter haben übrigens die Möglichkeit, sich an einer Informationstafel beim gerade in Arbeit befindlichen Flugzeugüber deren zukünftigen Eigentümer und das Einsatzgebiet zu informieren.

Wer denkt, dass man für den Zusammenbau einer Boeing 737 lange benötigt, der irrt sich. Gerade einmal 13 Tage braucht man bei Boeing um die Einzelteile zusammen zu setzen, und das Flugzeug flugfähig zu machen bevor es zum Lackieren geht! Das Flugzeug befindet sich auf einer Arbeitsplattform mit einem Magnetband, das sich pro Stunde 5cm vorwärts bewegt, bevor dann am Ende der Halle das Flugzeug praktisch fertig ist.

Das Produkt Boeing 737 ist seit ihrem ersten Einsatz im Jahr 1968 das erfolgreichste zivile Verkehrsflugzeug. Im heurigen Jahr wurde die insgesamt 5.000ste Boeing 737 an den Kunden Southwest Airlines ausgeliefert. Und mit den neuen Modellen der NG (Next Generation) Serie geht dieser Erfolg weiter - im Jahr 2005 wurden beachtliche 569 Flugzeuge dieser Art bestellt, insgesamt wurden bis Jänner 2006 bereits über 3.006 Stück der aktuellen Modellreihe geordert. Alle 2 Sekunden startet übrigens irgendwo auf unserem Erdball eine Boeing 737, die von insgesamt 600 Airlines in 145 Ländern eingesetzt wird.

Boeing ist sich auch sicher, dass sich dieser Erfolg auch in Zukunft fortsetzen wird. Die Gründe dafür liegen laut Boeing Regional Produkt Marketing Manager Samir Belyami auf der Hand: Die Umschulung der Crews älterer 737-Generationen (200/300/400/500) auf NG-Modelle (600/700/800/900) kann innerhalb weniger Tage erfolgen. Weiters sind viele der technischen Teile der "Classic"-Serie mit den NG Modellen gleichwertig und daher ohne viel Aufwand zu warten.

Besonders begehrt sind auch die treibstoffsparenden Winglets bei den neuen Produkten der 737 Serie. Obwohl nicht alle Boeing 737 in den Werkshallen damit ausgestattet werden (es rechnet sich nur bei längeren geflogenen Streckenabschnitten), investieren viele Airlines gerne die USD 750.000,- um 3-4% an Kerosinkosten einzusparen.

 

Everett- Produktionshallen der Giganten der Lüfte

Im Norden Seattles befinden sich in knapp 40 Kilometer Entfernung zum Stadtzentrum die Produktionsstätten der Boeing 747/767/777-Flugzeuge und der zukünftigen 787 "Dreamliner". Bereits von außen sind die riesigen Abmessungen der Hallen zu bewundern, in denen die Giganten der Lüfte gefertigt werden.

Nach einem Sicherheitscheck und der obligatorischen Kontrolle unserer ID-Cards passiert man bereits fertig gestellte 777-Jets von Air France und PIA, die auf ihre Auslieferung warten.

 

 

Die Boeing 777 mit ihren bisherigen 827 Bestellungen, wovon bereits 542 an 46 verschiedene Fluggesellschaften ausgeliefert worden sind, stellt ein weiteres Erfolgsmodell dar. Im Vergleich zum Airbus A340-300 verbraucht dieses Flugzeug nach Angaben von Boeing mit seinen nur zwei Triebwerken 13% weniger Kerosin bei gleichzeitig höherem Abfluggewicht.

Aufgrund der Abmessungen der Werkshallen in Everett, die doch etwas größer sind als in Renton, starteten wir unsere Tour mit einem elektrischen Golf-Car! Vorbei an bereits fast fertig gestellten B777-200 von KLM und Emirates stoppten wir an diversen soeben angelieferten Einzelteilen für die Flugzeuge.

 

 

Schon lange ist Boeing nicht mehr alleiniger Erzeuger aller Teile seiner Flieger: So wird heute ein großer Teil der Flugzeugteile in Europa und Asien produziert. Überhaupt stellt es eine gigantische logistische Aufgabe dar, die aus der ganzen Welt angelieferten Teile termingerecht bereit zustellen, ohne das es zu Verzögerungen bei der Produktion kommt.

Wer einmal den hinteren Druckschott einer Boeing 777 bzw. die seitlichen Rumpfteile beim Zusammenbau gesehen hat, kann sich erst richtig eine Vorstellung darüber machen, welche Arbeit hinter der Produktion eines solchen Flugzeuges steckt. Bei unserer Besichtigung konnten wir solche interessanten Arbeitsvorgänge, wie die Herstellung eines 777-Flügels, das Zusammensetzen der ersten Einzelteile (z.B. die Wingbox mit ihren Tragflächen) genauestens verfolgen. In Gesprächen mit den Arbeitern vor Ort konnte man sich Eindrücke über die verschiedenen Arbeitsabläufe im Detail machen.

Doch nicht nur die "Triple-Seven" wird in Seattle gebaut, auch einzelne 767 werden derzeit noch zusammengestellt, sowie natürlich die bisherige Königin der Lüfte, die Boeing 747. Bei unseren Besuch war es beispielsweise eine Air China 747-400F, die sich gerade in der Endfertigung befand.

Als Antwort auf den Airbus A380 versucht nun Boeing mit einem neuen Modell der Serie, der 747-800, zu kontern. Mit neuen und leiseren Triebwerken sowie einem nochmals gestreckten Rumpf mit bis zu 550 Sitzplätzen in einer Dreiklassen-Konfiguration, möchte man Airbus das Marktsegment der Megaairliner nicht kampflos überlassen. Das Flugzeug soll ab 2009 in einer Passagier- und ab 2010 in einer Frachtversion in diesen Hallen gefertigt werden.

 

 

Natürlich kann man auch damit rechnen, dass mit einem bereits sehr erfolgreich verkauften weiteren neuen Produkt, der Boeing 787 "Dreamliner" die Produktionshallen in Everett auch in Zukunft gut ausgelastet sein werden. Dieses in drei verschiedenen Versionen gebaute Modell (787-800/900/300) soll noch einmal durch 20% weniger Kerosinverbrauch, verbessertem Flugkomfort und durch 38% größeren Fenstern (im Vergleich zum Airbus A340) sowie 30-40% niedrigeren Wartungskosten zum Erfolg von Boeing beitragen.

Leider endete der Besuch bei Boeing rascher als ich wollte. Vielleicht ergibt sich aber wieder einmal die Möglichkeit die "geheiligten" Hallen von Boeing zu besuchen...

 

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