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von
Massimiliano Lucca |
2. Oktober 2001: Der Stolz einer ganzen Nation, das Symbol für alle positiven Tugenden der Schweiz, die „fliegende Bank“ Swissair ist lahm gelegt, weil kein Geld mehr für das Kerosin vorhanden war. Mit einem Schlag blieben tausende Passagiere weltweit auf ihren wertlosen Tickets sitzen. Ein Grounding ausgelöst durch falsche Strategien, misslungene Allianzen und durch die Hausbanken, die in diesen kritischen Tagen keine unbürokratische Lösung finden wollten. Außer Spekulationen, Vorwürfen und einer Anklage gibt es heute, fünf Jahre danach, immer noch keinen konkreten Verantwortlichen für diese wirtschaftliche Katastrophe, die Tausende von Arbeitsstellen gekostet hat und das unwürdige Ende eines Schweizer Mythos bedeutete. Ein Rückblick über die letzten dramatischen Stunden einer einst erfolgreichen Airline. „Es tut mir Leid, Entschuldigung!“ Blitzartig wurde es ganz still im Raum. Das blanke Entsetzen stand allen Beteiligten förmlich ins Gesicht geschrieben. Mit einem Schlag machte sich eine gespenstische Hilflosigkeit breit. In den Sekunden, zwischen der Hoffnung, überleben zu können und dem Bewusstsein, dass soeben dieser Kampf verloren ging, wurde allen klar: Die Ära der Swissair war zu Ende! Mario Corti, CEO der Swissair und so was wie der letzte hoffnungsvolle Rettungsanker, stand mit wässerigen Augen vor seinem Team. Es war 15:35 Uhr des 2.Oktober 2001 und er hatte soeben dem Chef der Flug-Operationen Manfred Brennwald befohlen, sämtliche Maschinen stillzulegen. Es war der traurige Höhepunkt eines Tages, der nicht schlimmer hätte sein können – für Angestellte und Passagiere. Blenden wir kurz zurück: Das Grounding war kein Blitz aus heiterem Himmel. Es hatte sich in den letzten Wochen vor dem 2. Oktober 2001 deutlich abgezeichnet, auch wenn es keiner anzusprechen wagte. So war die Swissair am 26. September, knapp eine Woche vor diesem denkwürdigen Tag, faktisch pleite. Verunsichert durch die monatelangen negativen Medienberichte über die katastrophale finanzielle Lage der Airline und dem Absturz der Swissairaktie an der Börse, schraubten an diesem Tag mehrere Kleinbanken die Cash-Kreditlimits für die Swissair drastisch nach unten, was zur Folge hatte, dass die Gesellschaft vor einem dramatisch gekürzten Cash-Zugang stand. Pressekonferenz
mit unerwarteten Folgen
Swissair und Sabena (mitte), eine Allianz mit fatalen Folgen. Foto: Michael F. McLaughlin
Was zu Beginn wie eine Rettung in letzter Not präsentiert wurde, war im Endeffekt nur ein Trugschluss. Insider an der Pressekonferenz interpretierten schnell die Botschaft, die zwischen den Zeilen zu hören war: Die UBS bzw. die CS wollten die Crossair zur landesweiten Nummer eins befördern, indem sie die wichtigsten europäischen und interkontinentalen Fluggeschäfte, sowie Konzernanteile der bankrotten Swissair aufkaufen. Für den eigentlichen Erhalt des Flugbetriebes der Swissair war – trotz medialer Zusage – so schnell kein Geld vorgesehen. Im Gegenteil: Sie sollte in Schutt und Asche gelegt werden, war der einhellige Kommentar in den Bankenkreisen, wenn auch nur unter vorgehaltener Hand. Im Nachhinein betrachtet, hatte diese Pressekonferenz unbestritten den leichten Hauch einer Farce, die aber das Grounding, gewollt oder ungewollt, einleitete. Durch die Hiobsbotschaft der Nachlassstundung ergab sich am Morgen des 2. Oktober 2001 eine für die Swissair unvorstellbare Situation: Vermutlich aus Angst, ihr Geld nicht mehr zu erhalten, bestanden viele Zulieferer an diesem Morgen auf die sofortige Begleichung der offenen Rechungen. Neue Lieferungen wurden nur noch gegen Barzahlung ausgehändigt. Die Swissair-Piloten, die jahrelang eine Fluggesellschaft mit unbestrittener Kreditwürdigkeit repräsentierten, mussten sich an diesem Morgen die Peinlichkeit antun, die bevorstehenden Kosten für die Landegebühren und für das Kerosin bar und gleich nach der Landung zu bezahlen. Die Airline musste erstmals in ihrer langen und erfolgreichen Geschichte ihre Piloten mit Bargeld ausstatten, um fliegen zu können. Um acht Uhr morgens teilte Walter Kälin, seines Zeichen Finanzchef der Swissair, dem internen Krisenstab die schockierende Nachricht mit, dass infolge der neuen Situation der tägliche Cashbedarf explosionsartig von 17 Mio. Schweizer Franken auf 150 Mio. angestiegen ist. Die verfügbaren Mittel beliefen sich aber nach der ersten Abflugwelle auf nur noch knappe 4,5 Mio. Schweizer Franken. Leider seien aber die CS-Kontos der Swissair gesperrt, fügte Walter Kälin hinzu. Und die Kerosinlieferanten am Airport Zürich hätten soeben mitgeteilt, dass sie nur noch gegen Vorauszahlung die Swissair Maschinen voll tanken. Das führte dazu, dass die ausgebuchten Langstreckenflüge, die für 12 Uhr vorgesehen waren, sowie die Europa Mittagsflüge auf Stand-By gesetzt werden mussten. Aber noch schlimmer war, dass bereits 10 Maschinen abgestellt werden mussten und somit gegrounded waren. Der
letzte Ausweg
Aus Swissair und Crossair wurde Swiss Foto: Charles Falk
Exakt in diesem Augenblick musste Mario Corti zum ersten Mal gespürt haben, in was für einer katastrophalen Lage sich die Swissair befand. Und warum musste Marcel Ospel ausgerechnet an diesem Tag einen Termin in den USA wahrnehmen, obwohl er wusste, in welch kritischem Zustand die Swissair war? Wenige Monate nachdem das endgültige Aus der Swissair bittere Realität wurde, gestand Marcel Ospel in einem Interview, dass er damals mit der Reise in die USA eine unglückliche Entscheidung getroffen habe. Im Nachhinein betrachtet, wäre es vermutlich besser gewesen, in Zürich zu bleiben, fügte er noch hinzu. Selbst für den damaligen Schweizer Bundesrat Kaspar Villiger war es nicht nachvollziehbar, dass Marcel Ospel an so einem Tag nicht vorort erreichbar war. Seit den frühen Morgenstunden telefonierte der Minister mit beiden Banken und beschwörte sie, schnellstmöglichst die notwendigen Schritte zu unternehmen, damit die Airline nicht gefährdet sei. Die Schweizer Regierung wäre bereit, sich an den Kosten zum Erhalt und zur Weiterführung des einstigen Nationalstolzes zu beteiligen, wenn beide Banken dafür sorgen würden, dass kein Grounding passiere, betonte Bundesrat Villiger immer wieder. Er wusste zu diesem Zeitpunkt genau, dass jetzt einzig und alleine die Banken darüber entscheiden konnten, ob es ein Durchstarten oder einen geschäftlichen Absturz der Swissair gab. Sein unermüdlicher Einsatz sollte aber am Ende vom Tag nicht belohnt werden. Im Gegenteil! Kein
Kerosin und beschlagnahmte Flieger! Aus dem Ausland trafen erste Meldungen ein, dass zwei Maschinen in England festgehalten wurden, weil die dortigen Flughafenbehörden und Zulieferer Bargeld sehen wollten. Die ausstehenden Rechungen beliefen sich auf über 700 000 Schweizer Franken. Deutschland, Kanada und die USA verlangten Vorauszahlungen für die Landegebühren in Millionenhöhe. Eine andere Maschine die nach Frankreich unterwegs war, wurde zurück beordert, weil die französische Finanzjustiz angeblich bereits auf dem Rollfeld wartete, um den Flieger zu beschlagnahmen. Vorsichtshalber strich man an diesem Morgen daher sämtliche Flüge nach Brüssel. In Belgien bestand die Gefahr, dass die dortige Finanzjustiz Swissair-Flieger beschlagnahmen würde, seit klar wurde, dass sie ihre Schulden bei der belgischen Sabena nach dem Ausstieg aus der Allianz nicht mehr bezahlen konnten.
Die guten Zeiten: Ausgebuchte Swissair 747 hebt ab Foto: Carlos A. Morillo Daria
Die Hiobsbotschaften folgten im Minutentakt und wurden immer dramatischer. Krisenpläne und Strategien übernahmen zusehends die normalen Arbeitsabläufe des gesamten Konzerns. Was am Morgen noch wie ein Ansammlung an kleinen, überschaubaren Feuerstellen glich, hat sich innerhalb weniger Stunden zu einem regelrechten Flächenbrand enwickelt, der nicht mehr zu löschen war. „Die
wollen das Ende der Swissair!“ Als wenig später Mario Corti nochmals versuchte, mit der UBS zu verhandeln, war Alberto Togni nicht erreichbar. Er ließ sich nun mit einem Rechtsvertreter der UBS Bank verbinden. Da er keineswegs alleine im Büro war, drückte er auf den Lautsprecherknopf am Telefon, damit alle Mitglieder seines Krisenstabs mithören konnten. Mit energischem Ton bat er den Rechtsvertreter der Bank um schnelle finanzielle Hilfe, da bereits ein großer Teil der Flotte am Boden stand. Die Antwort, die er auf seinen Hilferuf bekam, löste ein allgemeines Kopfschütteln im Raum aus: „Blockierte Flugzeuge, Herr Corti? (ein paar Sekunden tiefes Atmen…) Das ist doch halb so wild! Ich bin auch schon in einem Flugzeug am Boden festgesessen.“ Für einen kurzen Augenblick schien Mario Corti die Fassung zu verlieren. Doch er sagte nur, dass die Swissair bis spätestens 14 Uhr das Geld benötigte, ansonsten das Grounding und somit die Bankrotterklärung perfekt sei. Ein führendes Mitglied der Swissair, der ebenfalls das Gespräch mithörte brachte es auf den Punkt: „Die wollen uns am Boden haben, die wollen das Ende der Swissair!“
Das Ende der Swissair Foto: Michael Schatzmann www.schatzmann.net
Ohne jede Eile entwarfen in der Zwischenzeit die Rechtsabteilungen der Crossair und der Banken ihre Optionsverträge und Beschlüsse. Vor allem Peter Kurer, Generalkonsulent der UBS und Chef der Rechtsabteilung der Bank, bestand auf diesen Vorgang. Ironie des Schicksals: Peter Kurer war, bevor er im Juli 2001 zur UBS wechselte, 10 Jahre lang der Rechtsberater des Swissair-Verwaltungsrates und somit ein profunder Kenner des Konzerns. Sein wertvolles Insiderwissen über die Swissair ermöglichte ihm ein gekonntes Vorgehen, um sein Ziel zu erreichen. Im Nachhinein betrachtet, war das Ziel nicht die absolute Rettung der Airline. Laufend wurden neue Bestimmungen und Vereinbarungen ausgearbeitet, die wiederum das Einverständnis aller Beteiligten benötigten. Immer wieder bestand die UBS darauf, dass alle Unterlagen zur Unterzeichung ihren rechtmäßigen Weg mussten, auch wenn die Situation keine Zeit mehr zuließ. Das
Chaos bricht aus In der Zwischenzeit verfasste die Swissair eine erste Pressemitteilung, nachdem ihre Pressestelle von verschiedenen Medien mit Anfragen über das Gerücht eines drohenden Grounding konfrontiert wurde: „Der Flugbetrieb der Swissair wurde um 12:30 Uhr MEZ suspendiert. Sämtliche Flugzeuge, die noch unterwegs sind, setzen ihren Flug an den Bestimmungsort programmgemäß fort. Die Swissair verhandelt intensiv mit den Banken, um den Weiterbetrieb der Flugoperation zu gewährleisten. Ein endgültiger Entscheid fällt um 14:00 Uhr.“ Sackgasse
für 50.000 Passagiere
Good Bye! Foto: Michael Schatzmann www.schatzmann.net
Im Laufe der Sitzung wurden die Debatten immer hitziger, immer angespannter. Die Swissairanwälte pochten auf eine sofortige Vetragsunterzeichung, damit das Geld freigegeben werde konnte. Das Schicksal von über 50.000 Passagieren und von tausenden Arbeitsplätzen sollte nicht zum Spielball zweier Fronten werden, die sich zwar gegenseitig brauchten, aber nicht wirklich aufeinander zugingen, um das zu retten, was noch zu retten wäre. Irgendwann im Laufe der Verhandlungen verhärteten sich die Fronten dermaßen, dass alle Gesprächspunkte in eine Sackgasse führten. Also nahmen sich alle Seiten ein Time-Out, um die ständig neuen Forderungen, vor allem aus der Ecke UBS – Peter Kurer, abzuklären. Am Flughafen herrschte zur gleichen Zeit eine aufgebrachte Stimmung. Die Swissair musste die bereits in den Maschinen sitzenden Passagiere bitten, dass Flugzeug zu verlassen und im Terminal auf weitere Informationen zu warten. Aber dort war das Bodenpersonal nicht darüber informiert worden, wie es weiter geht. Die nächsten Schicksalsschläge traf die Swissair gegen 15 Uhr: Kuoni, der größte Tour-Operator und einer der wichtigsten Partner der Swissair stellte ab sofort keine Swissair Tickets mehr aus und kündigte die Zusammenarbeit. Und praktisch im selben Augenblick kündigte Allianz-Partner American Airlines ihr Codeshare Abkommen. Flight
Duty Regulations, oder nichts geht mehr! Manfred Brennwald, Leiter des Flugbetriebs, hatte sich den ganzen Tag im Hintergrund gehalten und versucht, seine Teams bei Laune zu halten und sie auf eine allfällige Wiederaufnahme des Betriebs einzustimmen. Aber um 15:21 Uhr nachmittags musste auch er kapitulieren. Der Dammbruch war perfekt! Er ließ sich mit Mario Corti verbinden. Im Bewusstsein, dass sein Anruf das Aus bedeuten könnte, sprach er dennoch ruhig und gefasst mit dem aufgewühlten CEO Swissair: „Herr Corti, es geht nicht mehr! Aus Sicherheitsgründen können wir nicht mehr fliegen!“ Stille! Für ein paar Sekunden herrschte zwischen beiden Männer eine unfassbare Stille. War das das Ende der glorreichen Airline mit dem weißen Kreuz auf dem roten Hintergrund? Mario Corti bat um ein paar Minuten Bedenkzeit. Aber auch diese Minuten verstrichen, ohne einen zählbaren Erfolg, oder einer schnellen Chance, die eine Weiterführung des Flugbetriebs bedeutet hätten.
Grounding: Swissair Flotte am Boden Michael Schatzmann www.schatzmann.net
Das
Ende der Swissair Bereits wenige Minuten später erreichten die ersten Agenturmeldungen die Presse, dass die Swissair bankrott war und nicht mehr flog. Im Schweizer Radio verkündete um 16 Uhr ein Sprecher mit zittriger Stimme das Aus der einstigen stolzen Airline. Und um 16:17 Uhr wurden dann auch die Passagiere der Swissair über die Lautsprecheransagen im Flughafen darüber informiert: „Aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, ihre Flüge durchzuführen. Deshalb ist es uns nicht möglich, irgendwelche Kompensationen auszuzahlen. Wir müssen Sie bitten, ihre Reisepläne mit anderen Fluggesellschaften oder über Ihr Reisebüro zu tätigen. Die Swissair bedauert es, diese Ankündigung machen zu müssen.“ Entsetzen, Staunen, Verwunderung, Angst. All dies muss sich in diesem Augenblick in den Köpfen der Passagiere am Züricher Airport abgespielt haben. Dazu kam die Wut und Enttäuschung, weil trotz der Ankündigung, sich ans Bodenpersonal zu wenden, niemand weiter wusste. „Es ist die totale Hilflosigkeit, wir werden in Stich gelassen!“, sagte eine sichtlich entnervte Check-In-Angestellte auf die wiederholten Fragen, warum es nicht weiter geht und warum niemand weiter helfen kann. Nur tröpfchenweise sickerten Informationen und Hilfe durch. Ein in Tränen aufgelöster Jugendlicher rannte an den laufenden Kameras des Schweizer Fernsehen vorbei und schrie sich ein hasserfülltes „Fuck Swissair!“ aus der Seele. „Wir sind nicht darauf eingestellt, wir haben immer geglaubt, so was passiert bei den anderen“, umschreibt ein Securityangestellter das Chaos. Er könne die Wut der Passagiere sehr gut verstehen, und er hoffe, dass der oder die Schuldigen für dieses Chaos schnell gefunden werden. Dabei blickte er stumm in Richtung Zentrale Balsberg.
Mario Corti: Er konnte das Ende nicht verhindern Foto: Blick.ch
Kaum war das Grounding offiziell, liefen die Faxgeräte am Swissair-Hauptsitz heiß. Eine Airline nach der anderen kündigte ihre Interline-Abkommen. Jetzt wollte weltweit keine Fluggesellschaft Tickets und Fracht der bankrotten Airline aus der Schweiz annehmen und weiter verarbeiten. Pikanterweise war die erste Airline, die das Abkommen und die gegenseitigen Personalreisen sofort kündigte niemand geringeres als die Schweizer Crossair… Im ganzen Chaos gab es – verwunderlicherweise oder auch nicht – doch jemand, der sein Ziel erreicht zu haben schien: Die UBS und ihr Vertreter Peter Kurer. Denn, kaum war das Grounding, und somit die Bankrotterklärung perfekt, verzichtete die Bank auf die Unterzeichnung der wichtigen Optionenvereinbarungen. Alles das, was Minuten vorher für die Bank wichtig erschien, verlor an Bedeutung. Man hatte auf Zeit gespielt, und somit Zeit gewonnen, um der seit Jahren maroden Airline den endgültigen Stoss ins Aus zu geben. Peter Kurer zeigte sich triumphierend, in dem er dem Swissair Chef - Juristin Karin Anderegg, mit süffisant, zynischem Unterton mitteilte: „So, nun haben wir euch den Stecker herausgezogen!“ Zynische
Crossair und böser Bundesrat Szenenwechsel: Bundeshaus in Bern, am Abend des 2. Oktober 2001, bei der Pressekonferenz des Bundesrates in Sachen Swissair. Die zuständigen Minister Kaspar Villiger und Moritz Leuenberger demonstrierten dabei öffentlich ihre große Verärgerung. In einem an Schärfe und Bosheit noch nie erlebten Tonfall kritisierten sie das Verhalten der Banken. Insbesondere die passive Handlungsweise des UBS Boss Marcel Ospel verärgerte die Regierung dermaßen, dass sie sich hinterfragen mussten, ob überhaupt ein Interesse da war, die Swissair zu retten. „Wir haben seit Wochen immer Klartext gesprochen: Die Banken sollen dringend sämtliche Maßnahmen ergreifen, um eine Stilllegung und die daraus entstehenden wirtschaftlichen Problemen zu verhindern. Heute müssen wir feststellen, die Banken sind dieser klar formulierten Aufforderung in keiner Weise nachgekommen! Die Schweiz hat nicht nur einen wirtschaftlichen sondern auch einen massiven Imageschaden erhalten, der nur ganz schwer wieder gut zu machen ist. So darf man einen Markennamen, der die erfolgreichen Tugenden einer ganze Nation rapresentieren, nicht zerstören!“
Warum musste das passieren? Foto: Els-club.ch
Take
- Off Nach dem Grounding zeigten sich die Banken tagelang über die scharfe Kritik des Bundesrates und den heftigen Protesten der Bevölkerung vor den UBS- und CS-Zentralen überrascht, ja sogar sehr schockiert. Sie fühlten sich unverstanden, da sie nur nach den Richtlinien und Vorgangsweisen der privaten Wirtschaft gehandelt hätten. Erst Jahre später, als die ganze Dimension und die Folgen dieses Konkurses einigermaßen überschaubar waren, und dadurch die Anschuldigungen in den Medien noch heftiger ausfielen, gestanden beide Banken im Bezug auf ihre Vorgangsweise teilweise Fehler ein, hauptsächlich am Tag des Grounding. Was
bleibt übrig? Aber was bleibt heute von jenem 2. Oktober 2001 übrig? Da ist die eine Seite, die „einzig“ nackte Zahlen darstellt: Ein Konkurs in Milliardenhöhe, über 700 gestrichene Swissair Flüge, 25.000 weltweit gestrandete Passagiere am Tag des Grounding, 5.000 gestrichene Jobs, sowie ein Wirtschaft und Imageschaden für die Schweiz, der nur schwer in genauen Zahlen zu beziffern ist. Und die andere Seite? Markus Jöhl, damaliger Präsident der Aeropers, der Verband der Swissair (heutige Swiss) – Piloten, fasste damals in der Pressekonferenz nach dem Grounding in wenigen Worten zusammen, was sich alle dachten: „Mit dem heutigen Tag ist der unerschütterliche Glaube an die Schweizer Manager, das Vertrauen in die Bankenwelt mit ihren Verwaltungsräten und Beratergilden, alles das ist nach den unglaublichen Vorkommnissen, die das Ende der Swissair bedeuten, verloren gegangen!“ Heute noch, fünf Jahren nach dem unrühmlichen Ende der Swissair, spiegeln diese Worte den Gemütszustand der Menschen, die den schleichenden Tod eines nationalen Mythos miterleben mussten, wieder. Vor allem eine Frage bliebt offen: War die Swissair an diesem Tag wirklich pleite, wie es Mario Corti immer betonte? Oder haben die Banken Recht, wenn sie behaupten, dass auf einem Treuhandkonto für die Swissair fast 70 Millionen Schweizer Franken zur Verfügung standen. Niemand schaffte es bis heute, dieses sehr wichtige Rätsel zu lösen. Die Lösung würde, mit grosser Wahrscheinlichkeit, sehr viel Licht ins Dunkeln bringe. Aber haben die Swissair-„Hauptdarsteller“ nach fünf Jahre Untersuchungen, Anklagen und Beschuldigungen ein ehrliches Interesse daran?
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