Verfasst am: 08.08.11 13:35
Von: Martin Metzenbauer und Roman Payer
Sommergespräch mit Martin Gross
Der Emirates-Manager für Österreich nimmt im Austrian Aviation Net-Interview Stellung zur aktuellen Diskussion um die Golf-Airline.

Foto: Martin Metzenbauer
Kaum ein anderes Thema wurde während der letzten Wochen in der heimischen Luftfahrtbranche so stark diskutiert wie die Frage, ob Emirates auch weiterhin zweimal täglich zwischen Wien und Dubai fliegen soll oder nicht. Die Geister scheiden sich bei der stark expandierender Airline aus Dubai auch komplett - die einen sehen nichts anderes als einen starken Mitbewerber, die anderen hingegen sorgen sich bereits um das Weiterbestehen der Weltluftfahrtordnung.
Wenig überraschend fiel demnach auch eine Frontpage-Umfrage vor ein paar Wochen aus: 54 Prozent beantworteten die Frage "Sehen Sie die Golf-Airlines für die weltweite Luftfahrtlandschaft eher als Fluch oder als Segen?" mit Nein, 46 Prozent mit Ja. So "Unentschieden" wie bei diesen Votes sieht es auch in einer teilweise sehr emotionell geführten Diskussion zum aktuellen Thema im Austrian Aviation Net Forum aus.
Martin Gross, Österreich-Chef des Carriers, stellte sich im Rahmen eines Austrian Aviation Net Sommergespräches unter anderem der Frage, warum nun Emirates bei vielen so gefürchtet ist und woher seiner Meinung nach diese starke Opposition hierzulande kommt.
Austrian Aviation Net: Emirates war in den letzten Wochen in aller Munde. Wie gefährlich ist Ihre Airline eigentlich für das etablierte Luftfahrtsystem?
Martin Gross: Das Wort „gefährlich“ ist natürlich immer negativ besetzt. Wir sehen uns in einer Entwicklung die über die Jahre sehr positiv war und hoffen, dass wir überproportional stark am künftigen starken Wachstum der Weltluftfahrt beteiligt sein werden. Es ist aber nicht das primäre Ziel von Emirates, einen Verdrängungswettbewerb in existierenden Märkten zu starten. Generell sind wir nicht gefährlich, sondern eine Fluggesellschaft, die sehr erfolgreich ist.
Austrian Aviation Net: Warum fürchtet man sich aber gerade in Europa – insbesondere im von Lufthansa dominierten Raum – so vor Emirates?
Martin Gross: Das ist eben etwas, was nicht 100-prozentig nachvollziehbar ist. Lufthansa ist eine sehr erfolgreiche Fluggesellschaft, die im letzten Jahr mehr als eine Milliarde US-Dollar Gewinn gemacht hat und das stärkste Mitglied in der stärksten Allianz ist. Warum Lufthansa offensichtlich ein Problem mit Emirates hat, können wir weder in Deutschland und noch viel weniger in Österreich nachvollziehen. Wenn Lufthansa allerdings generell sagt, dass sie keine Mitbewerber haben möchte, ist klar, dass sie Emirates angeht, da wir einer der stärksten Konkurrenten sind.
Es geht ja hier um Dinge wie Marktführerschaft. Lufthansa ist wie andere Legacy Carrier auch aus der Vergangenheit verwöhnt, weil sie bestimmte Märkte exklusiv gehabt hat. Diese Märkte sind aber nicht Lufthansa-Märkte. Frankfurt-München ist ein Lufthansa-Markt. Aber Toronto-Bombay oder Vancouver-Islamabad sind per se keine Lufthansa-Märkte. Ich habe das Gefühl, dass die Lufthansa glaubt, dass das ihre Pfründe sind. Dass wir als Emirates in diese Märkte eindringen, ist ihnen unangenehm.
Austrian Aviation Net: AUA-Vorstand Peter Malanik sagt immer wieder, dass er nichts gegen Wettbewerb hat. Mit Emirates würde sich dieser aber auf einer schiefen Ebene bewegen. Er hat auch gemeint, dass die AUA ähnliche Bedingungen hätte, wenn sie tausend Bangladeschis einstellen würde und damit ihr Lohnniveau niedrig halten könnte. Der AUA-Betriebsrat hat Ihnen außerdem Lohn- und Preisdumping vorgeworfen. Was sagen Sie dazu?
Martin Gross: Zu den Vorwürfen mit den „gleichen Voraussetzungen“: Bedeutet das, wir müssen unseren Flughafen um 12 Uhr zusperren? Bedeutet das, wir müssen die ganzen Kosten die Austrian Airlines mitschleppt, auch tragen? Dann hätten wir gleiche Voraussetzungen.
Zu den Löhnen: Bedeutet das, dass in Österreich und Deutschland Lohnniveaus festgelegt werden und sich die ganze Welt danach richten muss? Also auch in der Slowakei, in Singapur, in Bangkok oder in Australien. Es gibt in der Weltwirtschaft an unterschiedlichen Orten auch unterschiedliche Voraussetzungen. Wir haben Mitarbeiter in vielen Ländern und bezahlen sie so wie es in den jeweiligen Regionen üblich ist.
Soll mit dem Vorwurf des Betriebsrates zum „Lohndumping“ impliziert werden, dass wir unseren Mitarbeitern in Dubai nur € 100 im Monat bezahlen? Warum haben wir 12.000 Flight Attendants aus 150 Nationen, die alle in Dubai arbeiten? Warum laufen reihenweise Piloten zu Emirates und wollen einen Job? Glaubt der Betriebsrat, dass ein Pilot bei Emirates für € 2.000 arbeitet?
Ein Detail dazu: Austrian Airlines macht die Abfertigung für Emirates. 95 AUA-Mitarbeiter sind für Check-In und Handling zuständig. Jetzt kommt der Betriebsrat und will eine Expansion von Emirates mit dem Argument verhindern, dass sie der AUA Arbeitsplätze kostet. Ich sage Ihnen, was Arbeitsplätze kostet: Wenn Emirates aufhört, nach Österreich zu fliegen.
Wir haben auch eine Wirtschaftlichkeitsstudie in Auftrag gegeben, welche die volkswirtschaftlichen Aspekte von Emirates in Österreich zeigt. So generieren wir im Großraum Wien mit sieben wöchentlichen Flügen 2.600 Jobs, mit 14 sind es 4.100. Wenn ich das also lese, habe ich nicht den Eindruck, dass wir Arbeitsplätze kosten, sondern dass wir Arbeitsplätze schaffen.
Austrian Aviation Net: Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass Emirates den Austrian Airlines Langstreckenpassagiere – beispielsweise nach Thailand – wegnimmt?
Martin Gross: Von den Top-15-Destinationen die wir für Umsteiger in Dubai verkaufen, bedient die AUA 13 überhaupt nicht. Ein paar Zahlen dazu: Austrian Airlines fliegen täglich von Wien nach Bangkok mit der Boeing 777. Das ergibt auf der Strecke pro Jahr ungefähr 110.000 Plätze. Mit Emirates sind letztes Jahr ab Wien genau 1.707 Passagiere via Dubai nach Bangkok geflogen. Ein anderes Beispiel: Nach Mumbai bietet die AUA ungefähr 65.000 Sitze im Jahr an. Letztes Jahr haben wir in Österreich 271 Tickets in die indische Stadt verkauft.
Wenn also jemand ernsthaft sagt, Emirates ist eine Bedrohung für die AUA-Langstrecke, dann weiß er entweder nicht, wovon er redet oder er sagt es ganz bewusst. Wir sind keine Bedrohung für Austrian Airlines. Wir sind aus Österreich nicht einmal eine Bedrohung für Lufthansa.
Austrian Aviation Net: Warum kommt es dann zu diesen Anfeindungen gegenüber Emirates?
Martin Gross: Wer da dahinter steckt, ist ganz offensichtlich. Der Passagier, der nach Singapur, Hong Kong oder Shanghai fliegt, ist ja nicht der AUA-Passagier, sondern der Lufthansa-Passagier, der über Frankfurt fliegt. Ich glaube, dass Austrian hier einen Stellvertreterkrieg für Lufthansa führen muss. Es ist schon sehr auffällig, dass wir nie ein Problem hatten, solange die AUA in österreichischem Besitz war.
Auch die Sache mit den Verkehrsrechten war damals kein Thema: Wir haben vor sieben Jahren ein Abkommen mit freiem Zugang für alle Airlines getroffen, welches dann als erstes von Austrian mit ihren double-daily Flügen genutzt wurde. Und jetzt kommt plötzlich jemand und sagt, dass wir nicht zweimal täglich fliegen dürfen.