Verfasst am: 02.01.11 19:11
Von: Martin Metzenbauer
Rückblick: 2010 von A bis Z
2010 war zweifellos ein spannendes Jahr für die österreichische Luftfahrt. Kühne Airlinepläne, störende Aschewolken, nervende Skylinkdiskussionen und drohendes Streikdiskussionen prägten (neben vielen anderen Themen) das Luftfahrtjahr 2010. Lesen Sie hier unseren kurzen Rückblick von A wie Altenrhein bis Z wie Zukunftsaussichten.
Altenrhein
Der kleine Flughafen Altenrhein liegt zwar offiziell in der Schweiz, gehört aber einem österreichischen Investor und gilt neben Friedrichshafen als Gateway nach Vorarlberg. Seit vielen Jahren bereits fliegt die AUA (bzw. vorher Rheintalflug) zwischen Wien und dem People's Business Airport in der Ostschweiz. Ganz zufrieden dürfte das Flughafenmanagement mit diesen Flügen (die zuletzt von vier auf drei tägliche Rotationen reduziert wurde) nicht gewesensein. Dass man aber gleich eine eigene Airline (namens People's Vienna Line) aus der Taufe hebt, hat im vergangenen Jahr die Branche doch etwas überrascht. Ab Ende März möchte man mit einem E-Jet aus Finnair-Beständen dreimal täglich die Rennstrecke nach Wien bedienen, die Verträge mit der AUA sollen einseitig aufgelöst werden. Aufgrund dieser originellen Vorgangsweise haben AUA und das People's-Management ihre Gespräche recht rasch nach Beginn auch wieder beendet.
Antinori
Wurde dieser Name bislang mit einem noblen Innenstadtitaliener oder einem Weingut in der Toskana Verbindung gebracht, wird er fortan auch mit der größten österreichischen Fluglinie in einem Atemzug genannt werden. Der Franzose Thierry Antinori wird ab 1. April 2011 das Ruder bei Austrian Airlines übernehmen, wie vor ein paar Wochen bekannt gegeben wurde.
Aschewolke
"Aschewolke" hat gute Chancen zum aviatischen "Unwort des Jahres" gewählt zu werden. Die mehrtätige Luftfahrtsperre über Europa im April bescherte Airline-Managern Magengeschwüre und Fluggästen aufgrund der entstandenen Verspätungen Bluthockdruckkrisen. Nach ein paar Tagen war der Spuk zwar glücklicherweise vorbei - die Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Sperre hielt allerdings noch lange Zeit an.
Austriair
Das im Jänner 2010 vorgestellte ambitionierte Projekt der Mapjet-Crew kam über das Planungsstadium nicht hinaus. Mit Embraer Jets wollte man von Wien aus Destinationen wie Frankfurt, München oder Amsterdam anfliegen. Vermutlich nicht zuletzt aufgrund der Konkurrenzsituation auf den Strecken wurden aus dem Businessplan statt einer Airline Papierflieger gemacht.
Eintagsfliege(r)
Gerade einmal eine Landung schaffte Kam Air aus Afghanistan bei ihrer geplanten Wien-Kabul-Verbindung. Dann war nach einer SAFA-Vorfeldkontrolle und einer EU-Verordnung schon wieder Schluss.
Erstflüge
Im vergangenen Jahr durfte man sich am Flughafen Wien über einige Erstflüge freuen: So startete die kuwaitische Wataniya Airways in Richtung Schwechat, ebenfalls kam der Alitalia-Relaunch wieder nach Österreich. Und auch die israelische Arkia launchte eine Verbindung zwischen Tel Aviv und Wien. Für 2011 wurden bereits zwei neue Gäste bekannt: TAP wird die Strecke Wien-Lissabon aufnehmen, Transavia möchte Wien-Rotterdam fliegen.
Erstlandung
Die letzte Erstlandung eines absolut neuen Flugzeugmusters ist in Österreich bereits einige Jahre zurückgelegen. 2010 allerdings durften sich Flugzeugenthusiasten besonders freuen: Der erste Airbus A380 der Lufthansa beehrte Wien und Linz mit jeweils einer Landung und die Mozartstadt Salzburg mit einem eleganten Fly-Over.
Fünfzigsitzer
Da Austrian NextGeneration verstärkt auf höhervolumigen Verkehr setzt, haben die 50-Sitzer ausgedient: 2010 wurden sämtliche CRJ und Dash 8-300 ausgeflottet.
Interviews
Im vergangenen Jahr wurden so viele Austrian Aviation Net-Interviews wie noch nie in der mehr als sechsjährigen Geschichte des Portals geführt. Hier eine Auswahl unserer Gesprächspartner aus der Branche:
- Jassim Al Qames (Wataniya Airways)
- Hannes Arch (Red Bull Air Race)
- Claus Bernatzik (InterSky)
- Rona Davis (Arkia)
- Bernhard Fragner (GlobeAir)
- Manfred Helldoppler (Welcome Aviation Group)
- Herbert Kaufmann (Flughafen Wien)
- Franz Kotrba (Initiative Zukunft Flughafen)
- Gerhard Kunesch (Flughafen Linz)
- Robert Kurz (Caeroscene)
- Christian Lesjak (NIKI)
- Peter Malanik (Austrian Airlines)
- Rüdiger Maresch (Grüne)
- Karim Maroof (Kam Air)
- Robert Schmölzer (International Jet Management)
- Armin Unternährer (People's Business Airport)
- Helmut Wurm (Welcome Aviation Group)
Kabine
Die AUA hat im November begonnen, die Kurz- und Mittelstreckenflotte kabinentechnisch zu vereinheitlichen. In die Boeing 737 sowie Airbus A319/320/321 werden bis Sommer 2011 Slim Seats von Recaro eingebaut. Vorteile davon sind niedrigeres Gewicht (dadurch weniger Treibstoffverbrauch und weniger CO2-Ausstoß), mehr Kniefreiheit und bis zu fünf zusätzliche Sitze pro Flugzeug. Dieser Vereinheitlichung fällt die Premium Business Class zum Opfer, die erst vor zwei Jahren für längere Mittelstrecken eingeführt wurde.
Kaufmann
Totgesagte leben länger, doch irgendwann kommt das Ende. Flughafen Wien-Chef Herbert Kaufmann wurde bereits über das gesamte letzte Jahr im Zuge des Skylink-Dramas das Ende seiner Vorstandskarriere angedichtet - zu Jahresende 2010 war es dann aber wirklich so weit. Mit 1. Jänner 2011 folgte ihm der bisherige Aufsichtsratschef Christoph Herbst - dieser möchte aber selbst nur bis Ende dieses Jahres an der Airportspitze bleiben. In der Zwischenzeit soll ein neuer (vermutlich Zweier-) Vorstand ausgeschrieben werden.
Robin Hood
Auch Robin Hood aus Graz wurde schon gelegentlich totgesagt. Trotzdem fliegt sie weiter - nach einem Ausgleich und mit einer neuen Führungsmannschaft.
Salzburger Flugschulen
Das bekannt raue Klima in der Salzburger Flugschullandschaft (man erinnere sich an die Diskussionen im Austrian Aviation Net Forum) hat im vergangenen Jahr zwei Opfer gefordert: Sowohl BFS als auch Flight Track sperrten im vergangenen Jahr zu.
Skylink
Obwohl (oder gerade weil) der aus den Fugen geratene Terminalneubau am Flughafen Wien im vergangenen Jahr eine so starke Medienpräsenz erzielt hatte, hat der Skylink wahrscheinlich fast so gute Chancen wie "Aschewolke", zum Unwort des Jahres gewählt zu werden. Viele in der Branche interessiert dieser "Skandal" wahrscheinlich nicht mehr sehr - ganz im Gegensatz dazu, dass der Skylink endlich dazu wird, wozu er gedacht ist: Zu einem konkurrenzfähigen Infrastrukturtool für den Flughafen Wien.
Social Media
Dieses Thema ist mittlerweile auch bei den österreichischen Airlines angekommen: Facebook, Twitter und Co. haben bei AUA und NIKI Einzug gehalten und freuen sich über viele Followers und Fans. Und auch die Social Media-Community von Austrian Aviation Net ist im vergangenen Jahr stark gewachsen: Die AANet-Facebook-Gruppe ist mit Abstand die größte unter den heimischen Luftfahrtmedien.
Streik
Teile des AUA-Bodenpersonals scheinen derzeit (vorsichtig ausgedrückt) nicht besonders gut auf die Geschäftsführung zu sprechen. Grund dafür sind unterschiedliche Auffassungen zu Vereinbarungen bezüglich Gehaltserhöhungen. Die Gewerkschaft verlangt eine Abgeltung in Höhe der Inflation, der Vorstand bietet Einmalzahlungen bzw. Erhöhungen für niedrigere Einkommen. Auf einen grünen Zweig ist man am Verhandlungstisch nicht gekommen, also wurde zu Jahresende eine Urabstimmung initiiert - ein Streik droht.
Ticketsteuer
Die Deutschen machen es vor, die Österreicher nach. Nicht das erste Mal halten sich unsere Politiker an die Ideen unserer Nachbarn - so auch bei der Flugticketsteuer. Diese wird nach Länge der Flugstrecke gestaffelt verrechnet und soll im Endausbau bi zu € 90 Mio. pro Jahr in die Staatskassen pumpen. Die Angst, dass man sich damit vielleicht ins eigene Fleisch schneidet (siehe das Beispiel Niederlande, wo eine ähnliche Steuer nach nur einem Jahr wieder abgeschafft wurde), scheint die österreichische Regierung noch nicht zu quälen- Freuen können sich jedenfalls die grenznahen Flughäfen wie Bratislava oder aber andere europäische Reiseziele, die von Gästen aus Übersee keine € 35 verlangen, damit sie ihr Land besuchen.
Übernahme
Air Berlin hat 2010 ihren Anteil an NIKI auf 49,9% erhöht - die restlichen 50,1% könnten drei Jahre später folgen. Damit ist die österreichische Airline im Air Berlin-Verbund konsolidiert. Die beiden Airlines werden außerdem der Luftfahrtallianz Oneworld beitreten.
Zukunftsaussichten
2010 war nach dem desaströsen Krisenjahr 2009 ein Jahr des Wachstums. Am größten heimischen Airport in Wien mussten ständig die Prognosen nach oben korrigiert werden, sodass man letztlich nur knapp an der Rekordmarke von 20 Millionen Passagieren vorbeischrammen wird. Für heuer erwartet man sich allerdings wieder ein gedämpftes Wachstum - nicht zuletzt aufgrund der wieder ansteigenden Ölpreise, aber auch durch Widrigkeiten wie die Flugticketabgabe in Österreich und in Deutschland. Dass die wenig vorhersagbare Wirtschaftslage und unberechenbare Ereignisse (wie im letzten Jahr die Aschewolke) das vulnerable System Luftfahrt ebenfalls beeinträchtigen können , trägt dazu bei, dass auch 2011 spannend wird.